Die Ultraschalluntersuchung bzw.
Sonographie der Säuglingshüfte


allgemeine Informationen für Patienten

  • Die Ultraschall-Untersuchung bzw. Sonographie der Säuglingshüfte dient zur Erkennung und Behandlungskontrolle der angeborenen Hüftdysplasie bzw. ausgekugelten oder zu "schmalen" Hüfte mit Gefahr der Gehbehinderung bzw. Hinkens und frühzeitigem Gelenkverschleiß bzw. Arthrose
  • Je nach Schwangerschafts- und Geburtsverlauf (z.B. nach Beckenendlage) wird sie schon am ersten Lebenstag bzw. in der 1. Lebenswoche durchgeführt. Gesetzlich vorgeschrieben ist diese Untersuchung im Rahmen der so genannten U3, einer 3. Untersuchung aller Neugeborenen zwischen der 4. und 6. Lebenswoche.
  • Hierbei wird nach einem Schema verfahren, welches die Zeit bzw. den Aufwand für Arzt, Mutter und vor allem Kind optimieren soll.
  • Wenn das Kind satt bzw. gestillt ist, wird es von seiner Windel samt Inhalt befreit und in eine spezielle Schale auf eine Seite gelegt, wobei die Mutter immer Körperkontakt zu ihrem Kind hat. Nun wird die oben liegende Hüfte zügig mit einem so genannten Schallkopf untersucht und bestimmte Winkel an Becken und Hüftgelenk, welche vorwiegend aus Knochen und Bindegewebe bestehen, ausgemessen. Das gleiche wird mit der anderen Seite nach schneller Drehung des Kindes in der Schale vollzogen. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, und das ohne gefährliche Röntgen- bzw. Gamma-Strahlung.
  • Abschließend wird untersucht, ein standardisiertes Protokoll in den Unterlagen ausgefüllt bzw. für den Kinderarzt gedruckt.
Bild 1: U3-Bogen
  • Natürlich sind entsprechende Kontrollen bei unklaren oder gar krankhaften Befunden bzw. zur Überwachung einer eingeleiteten Behandlung (Abspreizbehandlung mit Hosen, Bandagen oder Schienen) wöchentlich bzw. monatlich bis zum „Erfolg“ möglich. Erst dann sollte man aufgrund der knöchernen Entwicklung der Hüfte über ein Röntgenbild nachdenken ( Röntgen des Beckens).

spezielle Informationen für Kollegen


Synonym

  • Sonographie bzw. Ultraschall-Diagnostik (USD) der Hüftregion des Neugeborenen und Säuglings

Voraussetzung

Dokumentation
  • neben Standard-Bogen (siehe U3) mit Angaben zur Anamnese (Familienanamnese, Schwangerschaftsanamnese und Geburtsanamnese) und Klinik (Fuß- und andere Fehlstellungen, Beinlängendifferenz, Abspreizhemmung, Instabilität) je 2 Bilder beiderseits im Maßstab 1,7 : 1
  • es sollte immer bei Typ IIc die Stabilität und generell der Beta-Winkel dokumentiert werden

Ziel

  • Dokumentation und Aussage über Diagnostik, Differentialdiagnostik und Verlauf der angeborenen Dysplasie der Hüftregion bzw. Hüftdysplasie

Indikation

  • als Diagnostik bzw. Sekundärprävention ab dem 1. LT bzw. innerhalb 1. LW bei Risiken (Beckenendlage, CHD in Familie bzw. andere angeborene Fehlbildungen wie Klumpfuß etc.
  • als screening bzw. Primärprävention laut Beschluß des Bundesausschusses Ärzte und Krankenkassen Sonographie beider Hüftgelenke bis zur U3 (ideal 4.-6. LW) bzw. Leitlinie (vgl. Tbl. 1 S. 502 aus Altenhofen et al. 1998)
  • als Verlaufskontrolle während Therapie mit evtl. Änderung derselben

Kontraindikation

Methoden

  • nach Graf von lateral (also in Seitenlage)
  • nach Harcke (ventral)
  • nach Suzuki (ventral)

Technik


Methoden

  • der Sono-Tag muss langfristig und regelmäßig feststehen, so dass sich Personal (2 Schwestern nötig) einstellen und alles entsprechend vorbereiten kann
  • Anamnese (v.a. Geburts-, Familien- und eigenen Anamnese) wird bei Ankunft erhoben,
  • Mutter und Kind müssen Zeit haben bzw. satt sein (ggf. noch mal stillen)
  • ein warmes Zimmer zur Vorbereitung (Garderobe und Ablage für Schirm, Tasche und Mütze, Wickeltisch mit Lampe und Mülleimer, Schrank mit Windeln etc.)
  • ein Untersuchungszimmer nebenan mit eingeschaltetem Sono-Gerät, angewärmtem Gel (Baby-Kost-Erwärmer auf 37°C einstellen und mit Wasser füllen), richtigem Programm (Probe mit freeze) und eingegebenen Namen, Geburtsdatum oder Alter sowie Seite des zu untersuchenden Kindes
  • Arzt sitzt oder steht an der Untersuchungsliege, wo eine passende Baby-Schale (je nach Größe und Alter des Kindes muß die aufnehmende Schwester entsprechende Info weitergeben bzw. gleich die Schale verbreitern bzw. schmaler gestalten, was durch Seitenbacken und Klettverschlüsse funktioniert) mit frischer Windel liegt, der Schallkopf in der Hand oder in der Führungsschiene
  • Aufruf der Mutter und des zu untersuchenden Kindes
  • dokumentierende bzw. beisitzende Schwester (oder man selbst) übernimmt das Kind und legt es in die Schale auf die Seite und weist Mutter ein, indem sie sagt, wo die Tasche etc. hingelegt wird und dass sie auf der anderen Seite (gegenüber dem Untersucher) der Liege stehend beim Kind bleiben soll und es so festhalten soll (mit flacher Hand auf Schulter und Arm), dass das Kind auf der Seite liegen bleibt

Abtasttechnik nach Graf

  • Umgreifen des OS und Halten in IR-Stellung mit distaler Hand, zwischen Daumen und Finger2/3, welche Trochanter von vorn und hinten palpieren
  • Gel auftragen
  • proximale Hand führt Schallkopf, welcher zwischen Daumen und Langfinger parallel zur Liege positioniert wird
  • erst Korrektur der Kippung nach dorsal oder ventral (ggf. Nutzung eines Führungsgerätes)
  • Einstellen des Unterrandes des Os ileum durch Vor- und Zurückschieben des Schallkopfes in leicht dorsaler Position
  • dabei immer auf
Standardsituation
  • achten, das heißt: Idendifizierung von
  1. Knorpel-Knochen-Grenze des Femur,
  2. Hüftkopf, gel. mit Hüftkopfkern (nicht rund, nicht das Zentrum, oft halbmondförmig, kann Unterrand verdecken)
  3. Umschlagfalte (DD zu Labrum),
  4. Gelenkkapsel (DD zu intermuskulären Septen),
  5. Labrum acetabulare (liegt lateral distal vom hyalinen Knorpeldach, kaudal vom Perichondrium(loch) und immer an der sich vom Hüftkopf abhebenden Gelenkkapsel mit Hüftkopfkontakt),
  6. hyalin präformierter bzw. knorpeliges Pfannendach
  7. Os ileum mit
  8. knöcherner Erker (Umschlagspunkt von Pfannenkonkavität zur Gegenkrümmung bzw. Konvexität meist nach kleinem Schallloch) sowie
  9. Unterrand (nicht von Facies lunata bedeckt, aber Nachbarechos durch Pfannenboden, Fett, Bindegewebe, Lig. artt. capitis fem.)
  • dann
Brauchbarkeitsprüfung
  • durchführen, das heißt Identifizierung von
  1. Unterrandes des Os ileum
  2. in gerader Schnittebene des Os ileum und
  3. Labrum)
  • (Jeder Kollege sollte zu Herrn Prof. Dr. med. Graf, so er ihm begegnet, sagen: „Unterrand, Schnitt, Labrum…“!)
  • nun Bild endgültig festhalten (wenn das Gerät schnelles Einzeichnen von Winkeln ermöglicht, dann diese jetzt schnell einstellen) und ausdrucken
  • ggf. dynamische Untersuchung ab hochgradig mangelhafter knöcherner Formgebung, rund bis flachem Erker bei übergreifendem Labrum mittels Instabilitätsprüfung durch axialen bzw. nach dorsal gerichteten Druck mit dem OS zur Provokation einer Dezentrierung des HG und Verdrängung des Labrum
  • das ganze noch mal von vorn für den 2. Schuss
  • nun zieht man selbst oder die Schwester das Kind an unten liegendem Bein und Arm, sodass es sich auf die andere Seite dreht und die Mutter wird aufgefordert, das Kind so festzuhalten, dass es auf der anderen Seite liegen bleibt
  • schon geht's los mit der zweiten Seite (auch 2 Fotos)
  • jetzt wird Kind untersucht, Mutter gebeten, das Kind anzuziehen und

Morphologie

  • bzw. Bild beschrieben (Beschreibung von knöcherner Formgebung (gut, ausreichend bis 12. Lebenswoche, mangelhaft ab 12. Lebenswoche und schlecht), Erker (eckig, stumpf bzw. abgerundet, rund, flach) und Labrum (spitz oder schmal bzw. breit übergreifend, nach cranial verdrängt und nach distal bzw. caudal verdrängt))
  • sollte Bild ohne Linien ausgedruckt worden sein, wird nun die
Morphometrie
  • durch Einzeichnen der Linien bestimmt
  • 1. Linie (Grund- oder Basislinie bzw. -tangente: vom obersten Punkt der Fixierung des Perichondriums (so genannter Z-Punkt) am Ilium tangential nach distal bzw. ggf. eine Hilfslinie parallel am Rand der Schallauslöschung, welche auch schräg zu Bildkante sein kann!) /li>
Bild 8: Ultraschall Grundlinie
  • 2. Linie (Pfannendachlinie bzw. -tangente: an Unterrand des Ileum und tangential an Unterkante des knöchernes Pfannendaches bzw. Erker)
Bild 9: Ultraschall Pfannendachlinie
  • 3. Linie (Ausstell(ungs)linie: vom Umschlagspunkt der Pfannenkonkavität zur Konvexität durch die Mitte des Labrum)
Bild 10: Ultraschall Ausstelllinie
  • dadurch entstehen messbare Winkel (kranial zwischen Linie 1 und 2 der α-Winkel sowie kaudal zwischen 2 und 3 der β-Winkel)

Graduierung

  • nun erfolgt die Einteilung laut Sonometer:
  • Bild 11: Sonometer
    mein erstes selbstgebautes Sonometer mit dem α-Winkel oben und dem β-Winkel unten

    Typ Ia bzw. b
    • bzw ausgereifte Hüfte mit meist abgerundeten bzw. stumpfen und nicht unbedingt eckigem Erker (knöcherner Formgebung: gut, Erker: stumpf bzw. abgerundet oder eckig und Labrum: spitz oder schmal übergreifend, α-Winkel: > bzw. = 60°, β-Winkel: bei Variante a < bzw. = 55°, bei Variante b > 55°)
      Bild 12: Typ 1a

    • bei Behandlung einer unreifen Hüfte und Übergang in ein Typ I kann der Erker auch eckig erscheinen

      Bild 13: Typ 1b


    Typ IIa+, a-, b
    • verzögerte knöcherne Entwicklung bzw. Reifungsstörung in Abhängigkeit zur 12. Lebenswoche (Unterscheidung a vor und b nach der 12. LW) mit(+) oder ohne (-) Entwicklungs- bzw. Wachstumstendenz (knöcherner Formgebung: ausreichend (bis zur 12. Wochen) oder mangelhaft (ab der 12. Woche), Erker: rund und Labrum: breit übergreifend, α-Winkel: 50 - 59° (bei "+" größer werdend), β-Winkel: < 77°)

      Bild 14: Typ IIa+a-b


    Typ IIc
    • echte Dysplasie in jedem Alter mit oder ohne Instabilität, aber kritische („critical“) bzw. gefährdete Hüfte (knöcherner Formgebung: mangelhaft, Erker: rund und Labrum: breit übergreifend, α-Winkel: 43 - 49°, β-Winkel: < 77°)

               Bild 15: Typ IIc

    Typ D
    • echte Dysplasie in jedem Alter mit Instabilität bzw. Hüfte am Dezentrieren (knöcherner Formgebung: mangelhaft, Erker: rund und Labrum: nach cranial verdrängt und durch Provokation nach distal bzw. caudal verdrängbar, α-Winkel: 43 - 49°, β-Winkel: > 77°)
    Typ III a, b
    • dezentrierte Hüfte bzw. Subluxation mit (b) und ohne (a) Knorpeltransformation bzw. Strukturstörung (knöcherner Formgebung: hochgradig mangelhaft und schlecht, Erker: flach und Labrum: nach laterocranial verdrängt, α-Winkel: < 43°, β-Winkel: > 77°)
    Typ IV
    • Luxation (knöcherner Formgebung: schlecht, Erker: flach und Labrum: nach medistal bzw. caudal verdrängt, wobei das Perichondrium nach medial gedrückt wird)

    Konsequenz

    • abschließend wird den Eltern Befund erläutert, eine Therapie eingeleitet bzw. begonnen ( Hüftdysplasie) dokumentiert (Beschreibung und Winkel), Fotos kontrolliert (Größe bzw. Maßstab, Seite, Name einschl. Geburtsdatum und Untersuchungsdatum), entsprechende Befunde bzw. Dokumentationen ausgefüllt bzw. ausgedruckt und mitgegeben und einen evtl. Wiedervorstellungstermin vereinbart
     

    Literatur

    1. Altenhofen L, Allhoff PG, Niethard FU (1998) Hüftsonographie im Rahmen der U3. Z. Orthop. 136 501-7
    2. Graf R (1989) Sonographie der Säuglingshüfte. 3. und überarb. Aufl. In Otte P, Schlegel KF (Hrsg.) Bücherei des Orthopäden. Bd. 43 Ferdinand Enke, Stuttgart
    3. Graf R (1989) Sonographische Diagnostik der Säuglingshüfte. Hans Marseille, München
    4. Graf R (2009) Warum Ausbildungskatalog für Hüftsonographie? Orthop. Mitteilungen 3/09: 344-9
     
          
    Aktualisiert: 19.01.2015
        © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben