Die Chirotherapie

allgemeine Informationen für Patienten


  • Die Chirotherapie umfasst nicht nur das " Wiedereinrenken" bzw. "Knacksen" von blockierten Gelenken, sondern zahlreiche Untersuchungen und Behandlungen des Bewegungssystems durch die Hände des Arztes. Neben den o.g. harten Techniken bzw. Manipulationen, die in Deutschland nur ein Arzt mit einer Zusatzbezeichnung durchführen darf, gehören auch weiche Techniken bzw. Mobilisationen zum Profil der gesamten manuellen Medizin, welche auch andere Ärzte und Therapeuten mit entsprechender Zusatzausbildung durchführen dürfen.
  • Das Ziel dieser Methode ist herauszufinden, wo und warum Nerven (Das vegetative Nervensystems) und Muskeln nicht richtig zusammenarbeiten und ein Gelenkspiel einschränken, was wiederum andere Nerven und Muskeln stört und Beschwerden bzw. Schmerzen auslöst.
  • Die Konsequenz der erfolgreichen Suche sollte nicht nur die sofortige Mobilisation (weiche Muskeltechnik) und ggf. auch Manipulation (harte Knochentechnik) zur Lösung des Problems, sondern auch die weitere Suche nach Ursachen und deren Lösung bzw. Vorbeugung beinhalten.
  • Selten ist vor einer Manipulation mit kurzem Hebel und Impuls eine örtliche Betäubung bzw. Lokalanästhesie (Schmerztherapie) nötig, um nicht nur den Schmerz, sondern auch die störende Muskelverkürzung (Muskelverspannung bzw. Myogelose, Triggerpunkt, Muskelverkürzung bzw. Kontraktur) kurzfristig und einmalig zu unterbinden. Es reicht nicht aus, die "Blockierung" einfach nur zu beseitigen. Zu oft wird ohne Konsequenz "eingerenkt". Man übersieht dabei die eigentliche Ursache, welche beseitigt werden sollte (Das Bindegewebe, Muskeldysbalance, Schmerz, Chronischer Schmerz und Schmerzkrankheit).

allgemeine Informationen für Kollegen


Synonym

  • Chiropraktik
  • Manualtherapie
  • manuelle Therapie
  • manuelle Medizin

Definition

  • Behandlung von Bewegungseinschränkungen der Gelenke, soweit sie ihrem Wesen nach auf einer reversiblen Störung der Funktion beruhen (Sachse 1993)
  • www.dgmm.de/frame1.htm

Historie

  • erste Anfänge in Form von "Glieder- bzw. Knochensetzern" bei Schafen durch Schäfer (u.a. in Tirol)
  • im Orient Barfußlaufen von Kindern über den Rücken von Älteren
  • vor 4000 Jahren in Asien (u.a. Thailand) erste Hinweise für gezielte Behandlungen durch Buddisten
  • „In der wohl ältesten Abbildung aus Indien (ca. 3500 – 1800 v. Chr.) streckt Lord Krishna den deformierten Rücken der gläubigen Kubja, indem er stehend ihre Füße fixiert und sie am Kinn hochzieht…“ (http://www.mt-omt.de/geschichte-der-manuellen-therapie)
  • auch in China wurden 2700 v.u.Z. Wirbelsäulen behandelt
  • schließlich "Ziehleute" in Assyrien, Babylon, Ägäis, Ägypten und bei Indianern (u.a. Inkas)
  • Hippokrates erwähnt in „De articulis“ die Rhachiotherapie (… verschobenen Wirbel … ohne Schaden… einrichten…) (Lewit 1987)
  • Claudius Galen beschreibt periphere Nerven, die an der Wirbelsäule heraustreten und hier geschädigt werden können (Lewit 1987)
  • Notizen wurden auch bei Paul von Aegina, Abu Ali Ibn Sina bzw. Avicenna in „Al-Qanun fi-t-Tibb“, Hildegard von Bingen und Ambroise Paré gefunden
  • durch englische "bone setters", spanische „algebristas“ und italienische „renunctores“ Renaissance der Manipulation im 19. Jh (u.a. Lewit 1987)
  • durch Cowboys und Dr. Atkinson Anwendung des Wissens der europäischen Schäfer in Amerika
  • 1874 gründeten dessen Schüler Dr. Andrew Taylor Still Schule der Osteopathie für Ärzte und 1895 der Schüler Daniel David Palmer eine chiropraktische Schule für Laien (u.a. Lewit 1987)
  • bis 1903 veröffentlicht OttoNaegli aus der Schweiz mehrfach die Behandlung von Kopfschmerzen über die HWS (Lewit 1987)
  • 1917 gründete der Palmer-Schüler Dr. J. M. Littlejohn die British School of Osteopathie
  • Dr. James Menell erhielt Anfang des 20. Jh ersten Lehrauftrag für Manuelle Medizin in London, England (Lewit 1987)
  • sein Nachfolger wurde Dr. James Cyriax
  • parallel werden ab 1936 bis auf eine kleine Schule in London in Europa solche Schulen verboten
  • in der 2. Hälfte des 20. Jh forcieren englische und französische Ärzte die Weiterentwicklung (u.a. studiert Alan Stoddard aus England als Osteopath Medizin, veröffentlicht John Menell (der Sohn) Bücher und erhielt Robert Maigne ab 1970 in Paris einen Lehrauftrag) und bilden auch Physiotherapeuten aus (Lewit 1987)
  • in Skandinavien vollzog sich unter den Stoddard-Schülern und Physiotherapeuten Freddy Kaltenborn und Olaf Evjenth sowie in Australien unter Geoffrey Maitland ähnliches
  • in Deutschland entwickelte der Chirurg Dr. Karl Sell ab 1950 die Chirotherapie weiter und gründete eine Schule in Isny-Neutrauchburg (MWE)
  • in dieser Zeit gründete auch Siegfried Gutmann eine Schule in Hamm-Boppard (FAC)
  • beide fusionieren 1966 zur DGMM
  • Dr. Wolff, Dr. Bischoff und Dr. Frisch führen die Arbeiten Ihrer Vorgänger weiter
  • in der Tschechoslowakei waren es die Neurologen Henner und Jircout, die die Manuelle Medizin einführten und durch K. Lewit und V. Janda bedeutend weiter entwickelten (Lewit 1987)
  • 1965 nahm Krauss aus der DDR heimlich Kontakt mit der Schule aus Hamm auf und arbeitete wie seine Nachfolger (u.a. G. Badtke und R. Sachse) mit den Tschechen zusammen (Lewit 1987)
  • seit 1979 Zusatzbezeichnung Arzt für Chirotherapie
  • 1983 gab es in 22 Staaten Schulen, Gesellschaften bzw. Sektionen (Lewit 1987)

Grundlagen

  • htpp://www.chirotherapie-informationen.de

Blockierung

  • reversible Funktionsstörung eines Gelenkes bzw. Gelenkspiels (joint play) mit eingeschränkter Beweglichkeit sowie oder durch muskuläre Verspannung und nervale Fehlregulation

Voraussetzung

radiologischer Befund

Aufklärung

  • schriftliche Aufklärung bzw. Einweisung des Patienten je nach Blockierung und Technik über Nebenwirkungen wie "Nichtgelingen", Schmerzen, Nervensymptome, Bandscheibenvorfälle, Knochenbrüche, Verletzungen der Hirngefäße
  • es sollte allerdings das Risiko beziffert werden (z.B. unter 0,001% bzw. 1 von 100.000 bei Verletzungen der Hirngefäße)
  • bei einer lege artis durchgeführten Technik kann ein Bandscheibenvorfall als so genannte Gelengenheitsursache wie beim Husten, Niesen, Pressen, Bücken usw.) entstehen und wird nicht als "Unfall" gewertet… (Bischoff 2009)

Lagerung

  • je nach Untersuchung und Behandlung in Rücken-, Seiten- bzw. Bauchlage oder im Sitzen mit aktiver Unterstützung durch den Patienten in Form von Einnahme bestimmter Haltungen und Positionen von Armen und Beinen mit und ohne tiefes Ein- oder Ausatmen

Dokumentation

  • derzeit nur individuell und nicht einheitlich
  • also leider lieber mehr als nötig "aufschreiben" und ggf. durch Befunde aus radiologischer und neurologischer Sicht beifügen
  • am schwierigsten ist die schriftliche Dokumentation als "Einzelkämpfer" (also kein Diktat während des "Fühlens" möglich), da alles hinterher passieren muß (v.a. Segment, Seite, Bewegungsrichtung im Raum und natürlich Probemobilisation und Technik)

Ziel

  • Wiederherstellung des gestörten Gelenkspiels mit kurzem Hebel bzw. Impuls an den Gelenkpartnern durch die Hand des Therapeuten

Indikation

  • reversible bzw. funktionelle Störung des Gelenkspiels ("Schublade klemmt")

Kontraindikation

absolut

  • Nichteinwilligung des ansprechbaren Patienten
  • Erkrankungen der beteiligten Knochen mit Gefahr einer Fraktur

relativ

  • Nichtaufklärung (je nach Technik schriftlich)
  • nichtkooperativer Patient (S, KK, K, Bewußtseinsstörung bzw. psychiatrische Erkrankung)
  • neurologische Defizite, v.a. vertebragen (z.B. claudicatio spinalis bei absoluter Spinalstenose, Radikulopathie mit Minussymptomen bei Neuroforamen- bzw. Recessusstenose, transitorisch ischämische Attacke bzw. TIA, Sehstörungen, abweichende Zunge, Horner-Syndrom, knallartige Geräusche, pulsierender Hinterkopfschmerz, "Risse" im Nacken …)

Technik

Weichteiltechnik
  • Drücken, Reiben, Dehnen v.a. am ubiquitären Bindegewebe, wozu Unterhaut, Fettgewebe, Faszien, Sehnen, Kapsel und Periost gehören
  • dürfen durch alle Ärzte, Therapeuten und Masseure durchgeführt werden
Mobilisation
  • besondere Technik mit Ansatz v.a. an Faszie, Muskel bzw. Muskelgruppen sowie knöchernen Gelenkpartnern zur Verbesserung bzw. Wiederherstellung der Beweglichkeit von Gelenken durch wiederholten langsamen Bewegungen mit zunehmendem Ausmaß der Amplitude
  • dürfen durch alle ausgebildeten Therapeuten mit Zusatzausbildung und Ärzte ohne Zusatzausbildung durchgeführt werden
Manipulation
  • z.B. als High Velocity and Low Amplitude (HVLA)- bzw. hohe Geschwindigkeit und niedriger Bewegungsausmaß-Manipulation
  • besondere Technik mit Ansatz an knöchernen Gelenkpartnern zur Verbesserung bzw. Wiederherstellung der Beweglichkeit von Gelenken durch eine einmalige rasche Bewegung
  • eigentliche Chirotherapie, welche nur Ärzte mit Zusatzbezeichnung ausüben dürfen

Methode

Heuer gilt es nicht nur die diversen Techniken und Methoden der manuellen Therapie wissenschaftlich zu fundieren, in einer Lehre zu vereinen und allen Therapeuten (ob MD, DO, DC oder "nur" Physiotherapeut) eine Berufsausübung zu garantieren, sondern mit anderen reflektorischen bzw. komplementären Regulationsverfahren (nicht nur Physiotherapie und Massagetechniken, sondern auch applied kinesiology, Akupressur, Akupunktur, Neuraltherapie, Resonanztherapien, Homöopathie einschl. Homöosiniatrie, Eigenbluttherapie, Homotoxikologie, Phytotherapie und orthomolekularer Medizin) zu kombinieren.

Literatur

  1. Bischoff HP (2009) Aufklärung, Begutachtung und Dokumentation im Zusammenhang mit chirotherapeutischen Anwendungen an der Wirbelsäule. Orthopädische Mitteilungen 4/04: 276-7
  2. Frisch H (1995) Programmierte Untersuchung des Bewegungsapparates. 6. Aufl. Springer, Berlin
  3. Janda V (1994) Manuelle Muskelfunktionsdiagnostik. 3. überarb. Aufl. Ullstein Mosby, Berlin
  4. Kendall FP, Kendall McCreary E, Geise Provance P (1998) Muskeln - Funktionen und Tests. 3., überarb. u. erw. Aufl. Gustav Fischer, Lübeck Stuttgart Jena Ulm
  5. Lewit K (1987) Manuelle Medizin. 5. Aufl. Johann Ambrosius Barth, Leipzig
  6. Sachse J (1993) Manuelle Untersuchung und Mobilisationsbehandlung der Extremitätengelenke. 5. bearb. Aufl. Ullstein Mosby, Berlin
  7. Sachse J, Schildt-Rudloff K (1997) Wirbelsäule - Manuelle Untersuchung und Mobilisationsbehandlung. Ullstein Mosby, Berlin Wiesbaden
  8. www.chirotherapie-informationen.de
  9. www.dasmediabc.de/files/geschichte_mt_web.pdf
  10. www.dgmm.de/frame1.htm
  11. www.mt-omt.de/geschichte-der-manuellen-therapie
      
Aktualisiert: 19.01.2015
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben