Glucocorticoide bzw. Kortison

allgemeine Informationen für Patienten


  • In der Rinde (lat.: cortex) der Nebenniere werden u.a. Glucocorticoide produziert. Es sind so genannte steroide Hormone (biochemisch aus dem Cholesterin aufgebaut), wobei das natürliche Kortisol, Cortisol bzw. Hydrocortison gegenüber dem chemischen Kortison bzw. Cortison aktiver ist. Es sind zahlreiche chemische Verwandte wie (Methyl)Prednis(ol)on, Dexamethason, Triamcinolon und Budenosid bekannt.
  • Alle diese Substanzen haben eins gemeinsam: sie wirken als Streßhormone abschwellend, entzündungshemmend, immunsupressiv, aber auch blutdrucksteigernd, zuckermobilisierend und eiweißabbauend.
  • Die meisten chronischen Erkrankungen sind damit zu lindern, so zahlreiche rheumatische Erkrankungen, Asthma, Bronchitis, chronische Darmentzündungen einschl. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie Haut-, Bindegewebs-, Sehnen-, Muskel- und Nervenentzündungen ( Sehnenscheidenentzündung bzw. Tendovaginitis, Muskelentzündung bzw. Myositis).
  • Jede Allergie bzw. akute allergische Reaktion (Bluthochdruck bzw. arterieller Hypertonus) benötigt in solchen Stresssituationen den körpereigenen Stoff aus der Nebennierenrinde, der dann zusätzlich in unterschiedlicher Dosierung (von 5 bis mehrere hundert Milligramm) über den Mund, per os bzw. oral, die Nase bzw. nasal, die Haut oder die Venen bzw. intravenös (i.v.) als Tropf bzw. per infusionem gegeben werden muß.
  • Wenn allerdings diese Wirkstoffe zu lange bzw. zu hoch dosiert verabreicht werden, wird das regulierende Hormon Adrenocorticotropin (ACTH) aus dem Vorderlappen der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) quasi dazu gebraucht, die Nebenniere nicht mehr zu stimulieren, was zu einer endgültigen Schwächung bzw. Schrumpfung führt.
  • Im Gegensatz zu Menschen mit zu hohem Kortisolspiegel, was durch eine Stammfettsucht und Mondgesicht bei schlanken Beine auffällt, (Hyperkortizismus bzw. Morbus Cushing) fallen Kortisolschwache durch Untergewicht, Muskelschwund, niedrigen Blutdruck, Wassermangel, Salzmangel, Krämpfen, Osteoporose sowie der Unfähigkeit zu Schwitzen bzw. auf "Streß" zu reagieren, auf. Sie sind halt erschöpft und reagieren weniger mit Wut, Zorn bzw. Aggression als mit Gleichgültigkeit und Depression (Burn out bzw. Erschöpfungssyndrom).

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Synonym

  • Hydrocortison

Definition

  • Das Kortisol gehört zu den Steroidhormonen, welche in der Nebennierenrinde bzw. NNR (Cortex) produziert werden und einen gemeinsamen chemischen Grundaufbau haben.

Historie

  • 1520-74 beschreibt Eustachius erstmals ein Hormonorgan
  • 1855 beschreibt Addison die NN-Insuffizienz
  • 1889 belegt Hyrtl die Existenz der Nebenniere bei unbekannter Funktion
  • 1929 isoliert Hartmann eine adrenalinfreie Substanz aus der NNR und nennt sie "Cortin"
  • 1936 isoliert Reichstein das Cortisol
  • 1944 synthetisiert Kendall das Cortisol
  • 1950 führt Hench Cortisol in die Therapie einer chronischen Polyarthritis ein

Grundlagen

Synthese

  • der Grundsubstanz Cortisol (Dihydrocortison) mit OH-Gruppen an C 11, C 17 und C 21 in Zona glomerulosa der NNR aus low-denstity-lipoprotein (LDL)-Cholesterin durch Enzym Hydrolase über Zwischensubstanz Dehydroepiandosteron (DHEA)
  • Steuerung durch Corticotropin bzw. adrenocorticotropes-Hormon (ACTH)
  • Biorhythmik der adreno-corticotropen Achse mit Sekretion von 80 % der Tagesmenge an Glucocorticoiden (20-25 mg) zwischen 4 und 800 Uhr
  • Synthese von Cortisol durch Oxydierung an C 11, von Prednison und Prednisolon durch weitere Oxydierung an C1 und 2, von Triamci-nolon, Betamethason, Beclomethason, Budenosid und Dexamethason durch Fluorisierung an C 9
  • beim generalisierten Streß- bzw. Adaptationssyndrom nach Selye neben Magen- und Thymus- immer NNR-Insuffizienz
  • durch Cholesterin-Mangel (falsche Diät, Lipidsenker, Leberschaden etc.) auch Cortisol-Mangel möglich (Hartenbach 2002)
  • bei Addison-Krise Tod möglich

Wirkung

  • Entzündungshemmung (antiinflammatorisch)
  • Immunsuppression (immunsuppressiv)
  • Proliferationshemmung (antiproliferativ)
  • durch Reaktion mit einem Rezeptor (Steroid-Rezeptor-Komplex) direkte Veränderung der Permeabilität der Zellmembran und Membran der Lysosomen, welche Interleukin abgeben sowie indirekte Verminderung der Zellteilung und des Stoffwechsel durch DNA-Einbau, Transkriptionsmodifikation der mRNA und Proteinsynthese
  • Broncholyse (antispastisch) durch Reaktion am β-Rezeptor der Bronchien

NW

  • iatrogener exogener Hypercortizismus (Cushing-Syndrom) mit Hemmung der Glucose-Verwertung, Förderung der Gluconeogenese aus Aminosäuren mit Hyperglycämie und Glycogenspeicherung, Verminderung des Eiweißaufbau (Eiweißkatabolismus), geringerer Retention von Natrium und Wasserretention, gesteigerter Ausscheidung von Kalium sowie gesteigerter Ausscheidung von Kalzium mit negativer Knochenbilanz (Osteoporose)
  • iatrogener endogener Hypocortizismus bzw. NNR-Insuffizienz (Addison-Syndrom) durch Feedback und "Abschaltung" bzw. Involution der "nicht mehr gebrauchten" NNR (sekundäre NNR-Insuffizienz)

Indikation

  1. substituiv
    • adrenogenitales Syndrom (AGS)
    • primäre NNR-Insuffizienz (Adrenalitis), sekundäre NNR-Insuffizienz (HVL-Insuffizienz) und tertiäre NNR-Insuffizienz (Erkrankung des Hypothalamus)
    • Addison-Krise
  2. symptomatisch
    • Induktion von Surfactant bei Frühgeburt
    • akute Reaktionen (Schwellungen, Ödeme, Hypertrophien), chronisch-entzündlicher Verlauf von Organ- bzw. Systemkrankheiten mit Überaktivierung des Immunsystems

Kontraindikation

  • Cushing-Syndrom
  • akute Krankheiten mit mangelnder Immunreaktion

Dosis

  1. substituiv
    • Tagesbedarf (15-25 mg Gluco- und 0,1-0,2 mg Mineralocorticoid)
    • Streß (Tagesbedarf + 100, 50, 40 mg Glucocorticoid, Tagesbedarf)
    • Krise (300, 200, 100, 60, 30 mg Glucocorticoid + Tagesbedarf)
    • Op (300, 150, 100, 100, 75, 75, 60, 45 mg Glucocorticoid usw. bis Tagesbedarf)
  2. symptomatisch
    • bei Abstoßungsreaktion 3000 mg Prednisol oder 300 (500) mg Dexamethason aller 4 -8 h für 4 Tage + Tagesbedarf
    • als Hochdosis 100-200 mg aller 4-8 h, 25-50 mg Prednisolon ab 2. Tag aller 12 h (56, 36, 16 mg Dexamethason aller 12 h) für 3 Tage + Tagesbedarf
    • als Stoß 250-1000 mg Prednisolon (bzw. 2 x 180, 80, 40 mg Dexamethason) über 3 d + Tagesbedarf
    • als Langzeit (zirkadian bzw. tgl. 600 Uhr) 40 (1.+2.), 30 (3.-9.), 25 (10.-16.), 20 (17.-23.), 15 (24.-37.), 12,5 (38.-52.) und 10 mg Prednisolon ab 53. Tag oder (Übergang auf alternativ) aller 2 Tage 20 mg Prednisolon
    • Abbau (600 Uhr) 10 (1.), 9 (2.), 8 (3. Woche) usw. bis 1 mg Prednisolon

Pharmaka

Verbindung rel. antiphlogistische Wirkung Schwellendosis
(in mg)
Pharmaka
Cortison 0,8 37,5
Cortisol 1 30 Hydrocortison ®
Predniso(lo)n 4 7,5 Decortin ®
Prednylen 3,5 9 Decortilen ®
Methylprednisolon 5 6 Urbason ®
Fluocortolon 4 7,5 Ultralan ®
Triamcinolon 5 6 Volon ®
Betamethason 30 1 Celestan ®
Dexamethason 30 1 Fortecortin ®

Literatur

  1. Bitsch T (1995) Klinikleitfaden Rheumatologie. Jungjohann, Neckarsulm Lübeck Ulm 422-8
  2. Hartenbach W (2002) Die Cholesterin-Lüge. Herbig, München
  3. Kuschinsky G, Lüllmann H (1987) Kurzes Lehrbuch der Pharmakologie. Georg Thieme, Stuttgart NewYork 388-96
  4. Kaiser H (1992) Praxis der Cortisontherapie. 3. Aufl. Urban & Schwarzenberg, München Wien Baltimore
      
Aktualisiert: 18.09.2012
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben