Die Krankengymnastik

allgemeine Informationen für Patienten


  • Die Krankengymnastik (KG) ist als Bewegungstherapie eine Methode bzw. ein Verfahren der physikalischen Therapie bzw. Medizin und Rehabilitation und dient zur Erhaltung und Wiederherstellung der Funktion des Bewegungssystems.
  • Sie wird in aktive und passive sowie unterstützende Techniken unterteilt und fördert Abschwellung, Entstauung, Durchblutung, Entschlackung, Regeneration, Mobilisierung, Koordination, Aktivierung, Stabilisierung und Kräftigung aller Strukturen des Bewegungssystems wie Knochen, Gelenke, Kapseln, Sehnen, Faszien, Muskeln und Nerven.
  • Bei Erkrankungen mit Beatmung, Bettlägerigkeit, Gehstörung usw. kann schon durch Lagerungen wie Oberkörperhochlagerung, Stufenbettlagerung usw., durch Dehnung der Muskeln und Streckung der Wirbelsäule und Gelenke (Unterwasserextension, spezielle Geräte und Schlingen, Schlingentisch usw.) geholfen werden.
  • Passives Bewegen durch den Therapeuten oder im Rahmen der kontinuierlichen passiven Bewegung auf einer Motor-Schiene fördern v.a. die Beweglichkeit.
  • Die Gangschule mit Hilfsmitteln kann auf ebenem Gelände, Treppe, Gehbarren und Laufband erfolgen.
  • Aktive Techniken wie unterstütztes Bewegen unter Ausschluß der Schwerkraft, freies Bewegen auch gegen Widerstand bzw. unter erschwerten Bedingungen wie Widerstände (Treppe, schiefe Ebene, Gewichte, Wasser etc.) und Koordination (Kletterwand, Pilates, Aerobic, Tanz etc.) und deren Kombination mit Elektromyostimulation (Ultraschall und Elektrotherapie) stellen die höchste Stufe dar.
  • Da eine KG nie im Schmerz erfolgen sollte, ist eine Schmerztherapie stets sinnvoll, um alle Ziele zeitnah zu erreichen.

spezielle Informationen für Kollegen


Synonym

  • KG

Definition

  • durch passive, unterstützende oder aktive Techniken vermittelte Bewegungs-, Spannungs- bzw. Koordinationsübung (von einzelnen Gelenk bis zum Gesamtorganismus) zur Erhaltung, Förderung oder Wiederherstellung der Funktion des Bewegungsapparates (BA) (Cordes 1988, Kolste r und Ebelt-Paprotny 1996)

Historie

  • 4. Jh. v. Chr. erwähnt Hippokrates die Gymnastik zu Heilzwecken
  • 2. Jh. beschreibt Galen gymnastische Übungen zur Behandlung von Deformitäten des Brustkorbs
  • 1741 schreibt Andry in seinem Werk über Behandlungen bei Deformitäten
  • 1780 eröffnet Venel in Orbe/Schweiz eine Heilanstalt für Leibesübungen
  • im 18./19. Jh. empfehlen Heine, Gutsmuth, Rousseaus, Nachtegall, Ling, Pravatz, Klapp, Neumann und Schreber verschiedene Heilgymnastiken
  • 1891 gründete Hoffa eine Zeitschrift für Orthopädische Chirurgie einschließlich der Heilgymnastik und Massage
  • 1895 gründete Lubinus in Lübeck eine Lehranstalt für Heilgymnastik
  • 1919 wird in Dresden eine Anstalt für Krankengymnastik gegründet
  • nach den Weltkriegen wird eine Ausbildung zum Krankengymnasten durch Schede und Kolde durchgesetzt

Voraussetzung

Behandlungsplan

  • Gelenkbehandlung mit Abschwellung, Entstauung und Mobilisation vor Muskelbehandlung mit Stabilisierung, Spannungsübung, Krafttraining, Koordination, Geschicklichkeit

Einteilung

  • passive und aktive KG mit und ohne Unterstützung durch Therapeut oder Gerät zur Mobilisation und Stabilisation des BA

Ziel

passiver BA aktiver BA (Muskel)
  • Lockerung durch Herabsetzung der elektrischen Schwelle
  • Kräftigung durch Ökonomisierung des Stoffwechsels (Vermehrung der Enzyme (Cytochromoxidase, Pyruvatkinase (PK), Lactatdehydrogenase (LDH)), Energiequellen (Glykogen, Kreatinphosphat (CK), Adenosintriphosphat (ATP)), Kerne, Mitochondrien, Myosinmoleküle, Myofibrillen, Kapillaren)

Indikation

  • alle Zustände zur Prophylaxe, Therapie, Rehabilitation und Training von Störungen des BA

Kontraindikation

  • Insuffizienz des
  • angiologischen (maligne Hypertonie, lokale Spasmen, Angitiden)
  • cardialen (akuter Infarkt, instabile APS, maligne HRS, Carditiden)
  • pulmonalen (maligne Dyspnoen)
  • thrombotischen (akute Thrombosen und Embolien)
  • hepatischen (dekompensierte Hepatitiden)
  • sowie des Immunsystems (hohes Fieber, Bakterieämie, Sepsis)
  • notwendige Ruhigstellung (akutes Trauma)

Technik

passive Techniken

Lagerung
  • Rückenlage (evtl. Oberkörperhochlagerung oder Stufenbettlagerung)
  • (Halb)seitenlagerung
  • Bauchlagerung
Extension (Traktion bzw. Dehnung)
  • Dehnen von Faszien, Sehnen und Muskeln (stretching) nach O. Evjenth und J. Hamberg
  • mit Gerät (Unterwasserextension (UWE), Extensionsliege, Back-Track, Gerät nach Perl, Schlinge nach Glisson, Schlingentisch, Pezzi-Ball, Thera-Band, Steigbügel und Hüftextension)
Bild: so genannte Extensionsliege zur passiv streckenden Behandlung der Wirbelsäule unter Kombination mit Wärme und Massage
Bewegen
  • durch Therapeut
  • im Rahmen der kontinuierlichen passiven Bewegung (continue passiv motion bzw. CPM) auf einer Motor-Schiene (EBG, SG, HG, KG, OSG u.a.)
Bild: Gerät zur kontinuierlichen Bewegung der Schulter (hier für rechts aufgebaut) nach Unfällen und Operationen mit Beteiligung der Muskulatur
Mobilisation
  • Postisometrische Relaxation (PIR)
  • klassische Mobilisation nach Kaltenborn
  • Mobilisation nach Maitland
  • Querfriktion nach Cyriax
  • Ermüden der Antagonisten nach Sherington 1
  • reziproke Hemmung nach Sherington 2
  • agistisch-exzentrische Kontraktion nach Brügger
Transfertechniken
  • Bett (evtl. spezielle Unterlagen (Dekubitusmatten), Matratzen bzw. verstellbar für Kopf-, Mittel- und Fußteil)
  • Stuhl (evtl. Rollstuhl)
  • Badewanne (evtl. mit Lift)
  • Boden
Gangschule
  • z.B. nach Perfetti
  • mit Hilfsmitteln (Römer-Wagen, Gehwagen, Gehbock bzw. Vierfußgestell, Rollator, Delta-Rad, französische Achsel-Stütze, Arthritis-Stütze, Unter-Arm-Geh-Stütze (UAGS), Vier-Fuß-Geh-Stütze (VFGS), Fritz- bzw. Gehstock mit unterschiedlichen Grifformen)
  • im Nachstellschritt, 3-Punkt-Gang, 4-Punkt-Gang bzw. Wechselschritt
  • auf ebenem Gelände, Treppe bzw. -atrappe, Gehbarren und Laufband
Atemtechniken

aktive Techniken

Bewegen
  • unterstütztes Bewegen unter Ausschluß der Schwerkraft
  • freies Bewegen in intermittierender oder kontinuierlicher Form
  • resistives Bewegen gegen manuellen Widerstand in intermittierender und kontinuierlicher Form (Isotonie)
Halten (Isometrie)
  • aus geführter oder gehaltener Bewegung heraus
  • gegen die Schwerkraft
  • gegen Widerstände wie Gewichte und Gegenstände
  • an Gegenständen Halten des Körpergewichtes (Sprossen- oder Kletterwand)
  • gegen Kräfte (z.B. Gewichte, Thera-Band)
Kombination
  • aus geführter oder gehaltener Bewegung bzw. dem Halten heraus
  • unter Nutzung von Geräten und Gegenständen (Boden, Hocker, (Pezzi)-Ball, Kegel, Reifen, Wippen, Schaukeln, Rhönrad, Sprossen- und Kletterwand)
  • mit koordinativen Übungen und Training von Bewegungsmustern (Gymnastik, Aerobic, Tanz, Gelenk- und Rückenschule, Pilates, Turn- und Sportübungen, Spiele, Wackel- bzw. Kippbretter, Proprio- bzw. Posturomed usw.)
  • als Elektrogymnastik oder funktionelle elektrische Stimulation (FES) während Elektromyostimulation (EMS)
  • gegen Widerstände (z.B. im Wasser bzw. Bewegungsbad)
  • gerätegestütztes Üben oder Training als medizinische Trainingstherapie (MTT) oder Krankengymnastik am Gerät (KGG) bzw. medizinisches Krafttraining (MKT)
Bild: eine therapeutische Kletterwand mit Sicherungsleinen (mit freundlicher Genehmigung der Physio Company Lichtenberg)

Methoden (eine Auswahl)

  1. Aerobic und Aqua-Aerobic bzw. -Jogging usw.
  2. neurophysiologisches Konzept nach K. und B. Bobath
  3. Haltungsschule nach Brügger
  4. Stemmführung bzw. -übung nach Brunkow
  5. Manualtherapie nach Cyriax
  6. Konzept nach Feldenkrais
  7. Wackel- bzw. Kippbretter, ggf. Galileo u.a. Frequenztraining
  8. Hippotherapie
  9. propriozeptive neuromuskuläre Fazillitation (PNF) nach Kabat, Knott und Voss (1952)
  10. orthopädische Manualtherapie (OMT) nach Kaltenborn (1985)
  11. Skoliosebehandlung nach Klapp
  12. funktionelle Bewegungslehre nach Klein-Vogelbach (1984)
  13. Kletterwand bzw. therapeutisches Klettern
  14. neurophysiologisches Konzept nach Kozijawkin
  15. Skoliosebehandlung nach Lehnert und Schroth
  16. Selbsthilfe nach Mackenzie (1972)
  17. Manualtherapie nach Maitland (1978)
  18. Wassergymnastik nach McMillan
  19. neurophysiologisches Konzept nach Petö
  20. Pezzi-Ball
  21. Proprio- bzw. Posturomed
  22. neurophysiologisches Konzept nach Rood
  23. Lösungs- und Atemtherapie nach Schaarschuh und Haase
  24. Skoliosebehandlung nach Scharll
  25. Schlingentisch
  26. Thera-Band
  27. neurophysiologisches Konzept nach Vojta

Literatur

  1. Cordes JC (1988) Physiotherapie. 4. Aufl. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 58-78
  2. Knauth K, Reiners B, Huhn R (1986) Physiotherapeutisches Rezeptierbuch. 4. überarb. Aufl. Volk und Gesundheit, Berlin
  3. Kolster B, Ebelt-Paprotny G (1996) Physiotherapie. 2. neu bearb. Aufl. Jungjohann, Neckarsulm Lübeck Ulm 25-171
  4. Senn, E (1992) Krankengymnastik. In Jäger M, Wirth CJ (Hrsg.) Praxis der Orthopädie. 2. neubearb. Aufl. Georg Thieme, Stuttgart NewYork 126-32
  5. Soyka M, Meholm D (2000) Physiotherapie bei Wirbelsäulenerkrankungen. Urban & Fischer, München Jena 41-166
      
Aktualisiert: 03.09.2010
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben