Elektrotherapie und Ultraschall

allgemeine Informationen für Patienten


  • Wenn negativ geladenen Elektronen von einem positiv geladenen Ort angezogen werden, fließt elektrischer Strom.
  • In jedem Lebewesen fließen unterschiedliche Ströme. Durch Anlegen eines Stromkreises mit einer Spannungsquelle kann "neuer" Strom fließen bzw. der "alte" beeinflußt werden. In der Medizin wird dies bei Notfällen am Herz, bei Lähmungen bzw. "Stromausfall" an Nerv und Muskel, bei Schmerzen, ja sogar bei Hirn-Erkrankungen erfolgreich genutzt.
  • Aufgrund der Eigenschaften des Stroms (Gleich- bzw. Wechselstrom mit unterschiedlicher Frequenz, Amplitude, Anstieg und Abfall einer Schwingung und Stromstärke, welche von der Spannung abhängig ist) können unterschiedliche elektromagnetische Wirkungen bzw. Resonanz erzielt werden.
  • Ein Gleichstrom läßt Elektronen in eine Richtung fließen und beeinflußt z.B. Schmerzen.
  • Noch besser wirkt hier ein Wechselstrom mit niederer Frequenz (weniger als 1000 Hertz (Hz) bzw. Schwingungen pro Sekunde), welcher Schmerzen am Rückenmark "blockt", da er schneller ist als das Schmerzsignal. Diese Methode wird als TENS (Transkutane (über die Haut) Elektro-Neuro (Nerv)- Stimulation) bezeichnet.
  • Strom mit Frequenzen ähnlich einer Muskelaktion (bis 18kHz), kann diesen beim Aufbautraining "reizen". Diese Methode nennt man EMS (Elektro-Muskel-Stimulation).
  • Eine Hochvolt-Behandlung (hohe Spannungen bei niedrigem Stromfluß und hoher Frequenz) kommt bei Schwellungen (vor allem über Metall-Implantaten) zum Einsatz.
  • Je höher die Frequenz eines Stromes ist (mehr als 20 MHz), desto mehr erwärmt sich das Gewebe, was bei der Kurz- oder Mikrowellentherapie genutzt wird (Diathermie).
  • Bei Gefühlsstörungen auf der Haut, Herzschrittmacher-Patienten, Trägern von Metall-Implantaten und Schwangeren ist die Rücksprache mit einem Facharzt für physikalische Medizin bzw. "Elektrotherapeuten" empfehlenswert.
  • Je nach Frequenz und Energie erzeugt der Ultraschall unterschiedliche Wirkungen auf die verschiedenen Bindegewebsarten, wozu nicht nur Unterhautfettgewebe, Muskeln und Muskelhüllen (Faszien), Sehnen und Sehnenscheiden, Gelenkknorpel und Schleimhäute sowie Knochenhaut zählen. Diese Gewebe werden in Schwingung bzw. Vibration (eine andere Resonanz) versetzt. Dabei wird keine für den Menschen gefährliche Röntgen- oder Gamma-Strahlung jedoch Wärme frei (bei zu starker Erwärmung muß der Kontakt zwischen Schallkopf und Haut kurz unterbrochen werden).
  • Dieser Schall bewirkt eine Verbesserung der Durchblutung und der Mikrozirkulation zwischen den Zellen.
  • Er sollte wegen seiner spät einsetzende Langzeitwirkung nur 1-2 x pro Woche und nicht bei Entzündungen und über Metall-Implantaten (Platten und künstliche Gelenke) angewendet werden.

spezielle Informationen für Kollegen


Synonym

  • Schall-, Kurzwellen- oder Strombehandlung

Definition

  • Anwendung des elektrischen Stroms und des Ultraschalls zur Therapie und Rehabilitation von Erkrankungen mit Schmerzen, Störungen der Muskelfunktion sowie der Durchblutung

Voraussetzung

Aufklärung
  • mündliche Aufklärung bzw. Einweisung des Patienten (Auskleiden, Lagerung, Stromgefühl, Regelknopf, Notruf bzw. Alarm- oder Stopschalter)
Strom Gleichstrom
  • der Strom (Elektronen) fließt durch einen Leiter (Metalle, Wasser und menschlicher Körper) nur in eine Richtung (von der negativen Katode zur positiven Anode)
Niederfrequenzstrom (NF)
  • der Strom (Elektronen) fließt durch einen Leiter (Metalle, Wasser und menschlicher Körper) hin und her in beide Richtungen und hat dabei eine Frequenz von < 1 kHz (<1000 x pro Sekunde)
  • Unterschiede durch Anstieg (senkrecht oder schräg), Amplitude, Plateau (ansteigend, konstant oder abfallend), Abfall (senkrecht oder schräg) bzw. Poligkeit zwischen differenter und indifferenter Elektrode (Kathode und Anode)
Mittelfrequenzstrom (MF)
  • der Strom (Elektronen) fließt durch einen Leiter (Metalle, Wasser und menschlicher Körper) hin und her in beide Richtungen und hat dabei eine Frequenz von 1 - 100 kHz (1000 - 100.000 x pro Sekunde)
  • bipolare Sinusimpulse mit unterschiedlicher Frequenz (zwischen 1 kHz und 1 MHz) und Amplitude (je nach Interferenz) zwischen differenter und indifferenter Elektrode (Kathode und Anode)
Hochfrequenzstrom (HF)
  • der Strom (Elektronen) fließt durch einen Leiter (Metalle, Wasser und menschlicher Körper) hin und her in beide Richtungen und hat dabei eine Frequenz von > 1 MHz (>1.000.000 x pro Sekunde)
  • unterschiedliche Frequenz und Amplitude
Schall
  • Ultraschall als mechanische Schwingungen bzw. periodische Schwankung der Dichte einer Materie in einem für das menschliche Gehör nicht wahrnehmbaren Frequenzbereich (oberhalb 20 kHz) mit geradliniger (eher longitudinal) Ausbreitung, einer Amplitude (entspricht dem Druck in Pascal bzw. der Lautstärke als Pegel gegenüber einem Bezugswert in Dezibel bzw. Phon), einer vom Medium abhängigen Geschwindigkeit (z.B. Wasser 1500m/s, Luft 333m/s), mit einer bestimmten Frequenz und Wellenlänge (zwischen 1 und 12 MHz sowie 1,5 und 0,13mm) sowie Energie (5x10-2 bis -3 W/cm2)
Geräte
  • Elektroden als Platten-, Saug-, Klebe-, Punkt-, Bügel-, Rollen- und Handschuhelektroden
  • Stromquelle
  • Schallquelle aus Schwingquarz bzw. keramischen Elementen (z.B. Bariumtitanat), welcher unter gezielter Änderung einer vorgegebenen elektrischen Spannung Schall aussendet (piezoelektrischer Effekt) und Medium mit bestimmter Dichte und Elastizität, woraus sich Schallgeschwindigkeit und -widerstand (akustische Impedanz) sowie Grenzfläche mit Impedanzunterschied, woraus sich Brechung (abhängig von Einfallswinkel), Streuung (abhängig von Oberfläche), Beugung und Absorption (abhängig von Frequenz) und somit Interferenz und Reflexion ergeben
mobiles Gerät mit abnehmbaren Modul zur Ultraschall- und Elektrotherapie (mit freundlicher Genehmigung der Physio Company Lichtenberg)

Ziel

  • Linderung des akuten und chronischen Schmerzes durch Absenken der Empfindlichkeit des Nocizeptors bzw. der myofaszialen Schmerzschwelle und spinale Hemmung der Schmerzleitung durch gate control nach Melzack und Wall (Der Schmerz)
  • je nach Frequenz tonolytischer Effekt durch Herabsetzung des Muskeltonus bis kontraktiver Effekt im Rahmen des Muskelaufbaus
  • Beschleunigung des Stoffwechsels und damit der trophischen Begleitreaktion

Risiko

  • Elektrolyse bei Gleich- und niederfrequentem Strom
  • Erwärmung bei hochfrequentem Strom und Schall

Indikation

  • jeder akute und chronische Schmerz
  • alle nicht entzündlichen Muskelerkrankungen
  • funktionelle Durchblutungsstörungen

Kontraindikation

allgemein
absolut
  • Ablehnung durch Patienten
relativ
  • starke Infektion und andere Systemerkrankungen mit gestörtem Allgemeinbefinden
  • Krebs mit Gefahr der Ausbreitung durch Metastasen (z.B. Hautkrebs, Brustkrebs u.a.)
Lokal
absolut
  • offene Wunden bzw. örtliche Infektion
  • schwere Herzrhythmusstörung sowie Z.n. Herzschrittmacher (außer Gleichstrom mit Abstand >10 cm, nieder- und mittelfrequenter Strom mit Abstand von >75 cm)
  • über metallischen Implantaten wie künstlichen Gelenken, Platten und Schrauben (außer mittelfrequenter Strom)
relativ
  • Störung der Blutgerinnung (Bluter) und dekompensierte Angiopathien (Thrombose, AVK etc.)
  • Taubheit bzw. gestörte Sensibilität über Hautareal
  • Schwangerschaft

Technik

Gleichstromtherapie
Ziel
  • Schmerzlinderung
Wirkung
  • schmerzhafte Reizung mit Verschiebung des Potentials aller Zellmembranen und Erregung von freien Nervenendigungen (C- und Aδ-System)
Niederfrequenzstromtherapie (NF)
Ziel
  • Schmerzlinderung und Nervenreizung
Wirkung
  • als Impuls- oder Reizstromtherapie schmerzhafte und schmerzarme Reizung mit Umkehrung des Potentials der Membran von Nerven- und Muskelzellen und Erregung von Nervenfasern (C- und Aδ-System bei langen Impulsen über 1 ms und Aβ-System bei kurzen Impulsen unter 1ms) sowie von Muskelfasern je nach IT-Kurve
  • Durchblutungssteigerung und Osteoneogenese durch niederfrequente mono- und bipolare Impulse mit unterschiedlicher Frequenz (bis 1 kHz)
Mittelfrequenzstromtherapie (MF)
Ziel
  • Muskelreizung
Wirkung
  • als Interferenzstromtherapie Umkehrung des Potentials der Membran von Muskelzellen und Erregung von Muskelfasern
  • Muskelrelaxation oder -reizung, Durchblutungssteigerung durch bipolaren Impulse mit unterschiedlicher Frequenz und Amplitude (je nach Interferenz) zwischen Elektroden
Hochfrequenzstrom (HF)
Ziel
  • Erwärmung
Wirkung
  • Absorption bzw. Aufnahme von elektromagnetischen Wellen und Umwandlung in Wärme
  • Analgesie, Muskelrelaxation, Durchblutungssteigerung und Diathermie durch hochfrequente Impulse und ihrem elektromagnetischem Feld mit unterschiedlicher Amplitude
Ultraschalltherapie (UST)
Ziel
  • Eutrophie
Wirkung
  • Durchblutungssteigerung und Diathermie, Verbesserung der Mikrodurchblutung bzw. Stoffwechsels in bradytrophem Gewebe
  • "Lösung" von degenerativen Erscheinungen bzw. "Ablagerungen"

Methoden

  1. Längs-Durchflutung nach Galva (Galvanisation)
  2. Quer-Durchflutung nach Kowarschik
  3. Iontophorese mit Acetylcholin, Bienengift, Histamin, Novocain, Procain, Diclofenac, Exhurid, Metamizol, Heparin, Salicylsäure, Kaliumjodat
  4. 2-, 4-Zellen-, bzw. Voll-Bad nach Stanger (Wasser- bzw. Hydrotherapie)
  5. neofaradischer Schwellstrom (Faradisation) mit Dreieckimpuls, T = 1 ms, R = 20 ms, f = 48 Hz
  6. diadynamischer Strom nach Bernard mit MF - monophasé fixe (Impulszeit = Pausenzeit z.B. 10 ms bei konstanter Stromstärke)
  7. diadynamischer Strom nach Bernard mit DF - diphasé fixe (konstante Impulszeit ohne Pause z.B. 10 ms bei konstanter Stromstärke)
  8. diadynamischer Strom nach Bernard mit CP - modulé en courtes périodes (Wechsel zwischen MF und DF aller 1 s)
  9. diadynamischer Strom nach Bernard mit LP - modulé en longues périodes (Wechsel zwischen MF und DF, wobei bei DF Stromstärke langsam ansteigt und wieder abfällt, DF 10 s und MF 5 s beträgt)
  10. diadynamischer Strom nach Bernard mit RS - rhythme syncopé (MF mit zusätzlicher Pause von 1 s)
  11. Ultrareizstrom nach Träbert (Viereckimpuls mit 2 ms Impuls und 5 ms Pause)
  12. Nadelimpulsstrom
  13. stochastischer Reizstrom
  14. Hochvolttherapie (550 Volt, 220 mA, f = 10 - 150 Hz)
  15. Intentionsübungen nach Foerster (Seichert 1992)
  16. Schwellstromstimulation mit inkonstanter Zu- und Abnahme der Stromstärke
  17. Exponentialstrom mit galvanischer Reizung bei exponentiellem Anstieg und konstantem Abfall je nach IT-Kurve
  18. Elektrogymnastik oder funktionelle elektrische Stimulation (FES) als Elektromyostimulation (EMS) (Die Krankengymnastik (KG))
  19. Transkutane Elektro-Neurostimulation (TENS) konventionell (f = 10 - 100 Hz)
  20. Akupunctur like (APL-TENS) nach Ericson und Sjölund (1976)
  21. Elektroakupunktur (EAP) oder perkutane Elektrostimulation (PENS)
  22. dorsal column stimulation (DCS)
  23. spinal cord stimulation (SCS)
  24. deep brain stimulation (DBS)
  25. Mittel- und Hochfrequenzstrom nach Gildemeister (Palten 2002)
  26. Interferenzstrom nach Nemec (zwei Ströme zwischen ca. 4 und 5 kHz mit wechselnder Differenz von max. 100 Hz)
  27. geschwellter Mittelfrequenzstrom nach Wyss und Senn (Seichert 1992)
  28. Kurzwelle (f = 27,12 MHz)
  29. Dezimeter- oder Ultrakurzwelle (f = 433,92 MHz)
  30. Mikrowelle (f = 2400 MHz)
  31. Ultraschalltherapie (UST)

Literatur

  1. Cordes JC (1988) Physiotherapie. 4. Aufl. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 79-93
  2. Edel H (1983) Fibel der Elektrodiagnostik und Elektrotherapie. 5., bearb. Aufl. Volk und Gesundheit, Berlin
  3. Kolster B, Ebelt-Paprotny G (1996) Physiotherapie. 2. neu bearb. Aufl. Jungjohann, Neckarsulm Lübeck Ulm 228-45
  4. Palten SU (2002) Elektrotherapie. In Melchart D et al. (Hrsg.) Naturheilverfahren. Schattauer, Stuttgart, New York 507-20
  5. Seichert N (1992) Elektrotherapie. In Jäger M, Wirth CJ (Hrsg.) Praxis der Orthopädie. 2. neubearb. Aufl. Georg Thieme, Stuttgart NewYork 141-50
      
Aktualisiert: 30.07.2010
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben