Das Fibromyalgie-Syndrom

allgemeine Informationen für Patienten


  • Vom Fibromyalgie-Syndrom bzw. FMS spricht man, wenn über mindestens 3 Monate nicht nur Nacken- oder Rückenschmerzen, sondern auch Schmerzen in den Gliedern bzw. Armen und Beinen verspürt, welche oft mit vegetativen Beschwerden, Schlafstörungen, Müdigkeit und einer Depression einhergehen kann.
  • Es kommt vorwiegend bei Frauen, welche sehr viele Konflikte erlebt haben, bei übergewichtigen Rauchern, ja bei nahezu jedem 10. Menschen unserer Gesellschaft vor. Es handelt sich aber nicht um ein Rheuma und da auch keine Organe krank sind, handelt es sich um ein funktionelles komplexes Krankheitsbild.
  • Im Rahmen der Untersuchung kommt es auf eine gute Befragung der Krankengeschichte, charakteristische Druckpunkte (so genannte Tenderpoints) und nicht auf teure apparative Techniken an.
  • Selten findet man eine Veranlagung für Reaktionen auf versteckte Infekte und Schwäche der Hirn-Drüsen-Achse (Hypophyse und Nebenniere).
  • Die Behandlung findet schon beim Aufklären statt und setzt sich bei strikter Gewichtsreduktion und Absetzen von jeglichem Nikotingebrauch fort. Weiterhin sind 2-3 x pro Woche für 30-60 min Ausdauertraining bzw. -sport sowie gelegentlich Antidepressiva und v.a. professionelle Psychotherapie sehr erfolgreich. Eine schlechte Wirkung zeigen die oft geforderten Massagen und Rheuma- bzw. Schmerztabletten.
  • Nur in so genannten Selbsthilfegruppen haben Patienten eine gute Chance ihren Beruf auszuüben und auf spezielle Schmerzbehandlungen einschl. Krankenhäuser und Notärzte zu verzichten.

spezielle Informationen für Kollegen


Synonym

  • FMS
  • Weichteilrheuma
  • generalisierte Insertionstendopathie
  • generalisierte Tendomyopathie
  • chronic widespread pain (CWP)

Definition

  • lt. American College of Rheumatology (ACR): funktionelles somatisches Syndrom mit generalisierten Schmerzen im Achsenskelett, der rechten und linken Körperhälfte, der oberen und unteren Körperhälfte (ober- und unterhalb der Taille) sowie druckschmerzhafte 11 von 18 Tenderpoints von mehr als 3 Monaten als möglicher Endpunkt eines Schmerz-Disstress-Kontinuums

ICD 10

  • M79.70

Historie

  • im 19. Jh. erstmals beschrieben, dann als Weichteilrheuma bezeichnet, schließlich generalisierte Insertionstendopathie
  • 1976 Fibromyalgie-Begriff durch Hench
  • weitere Beschreibungen und Kriterien durch Smythe und Moldofsky, Yunns et al. sowie Müller und Lautenschläger (Begriff: generalisierte Tendomyopathie)

Häufigkeit

  • häufigste Ursache des generalisierten Schmerzes am Bewegungssystem
  • 7,8% aller Frauen zwischen 35 und 74
  • Männer : Frauen = 1 : 5 - 10

Prävalenz

  • 2-4-% (bis zu 11%)

Ätiologie

  • unklar

Risiko


endogen
  • Genpolymorphismus (u.a. β2-Adrenorezeptorwn, ACTH-precursor-Rezeptor, kortikosteroidbindendes Globulin) und damit Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Achse
  • aber auch 5-HT2-Rezeptor
  • entzündlicher Rheumatismus
  • Übergewicht (Sommer 2012)
exogen
  • Rauchen
  • Stress und Zwangshaltungen am Arbeitsplatz (v.a kauernd und Monotonie der Handgelenke)
  • mangelnde körperliche Aktivität
  • Missbrauch
  • dauerhafte Lebensbedrohung
  • finanzielle Not
  • Tod der Mutter
  • Heimunterbringung
  • Hospitalisierung nach schwerem Unfall (Sommer 2012)

Pathogenese

  • Veränderungen in Bindegewebe, Muskulatur und Nervensystem ohne eigentliche psychische Ursachen
  • aber in 40 - 70% emotionale und psychsoziale Konflikte
  • in 20 - 80% affektive Störungen
  • und in 15 - 65% Angststörungen
  • auch andere funktionelle Syndrome wie Reizdarm oder chronic fatigue syndrome (CFS) in 20 - 80%
  • physische und psychische Stressoren und Depressivität fördern latente Störungen der zentralen Schmerzverarbeitung, Hyporeaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, des Wachstumshormon-Systems, der Zytokine sowie des dopaminergen und serotonergen Systems

Symptomatik

  • Schmerzen in mehreren Körperregionen (alle 4 Quadranten und dorsal) als widespread pain
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Depression
  • Morgensteifigkeit
  • Obstipation
  • Dysurie

Klassifikation


nach ACR 1990


generalisierter Schmerz (widespread pain)
  • Schmerz in verschiedenen Körperregionen
  • Schmerz in der rechten und linken Körperhälfte, wozu Schulter und Gesäß zählen
  • Schmerzen ober- und unterhalb der Taille
  • Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule
dolente Tenderpoints ab 4kg/cm2
  1. Occiput am Ansatz Mm. suboccipitales (Bla 10)
  2. unterer Cervicalbereich am Ansatz Mm. cervicales laterales C5-7 (Adler-Langer-Druckpunkte)
  3. Übergang seitlicher Hals und Schulter über M. trapezius (Ga 21 und 3 E 15)
  4. Schulter über M. supraspinatus (Dü 12 und 13)
  5. Thorax an Knochen-Knorpel-Grenze 2. Rippe (Ni 25)
  6. Arm am Epicondylus humeri radialis (Di 11)
  7. Gesäß bzw. regio glutaea (oberer äußerer Quadrant)
  8. Hüftregion am Trochanter major (Ga 30)
  9. Bein über Fettpolster medial am Knie (Le ?)

Klinik

  • o.g Schmerzen über 3 Monate (chronic widespread pain bzw. CWP)
  • Morgensteifigkeit
  • Erschöpfung bei Schlafstörung

Kriterien


nach ACR 2010


Widespread Pain Index ab 7/19
  1. 1. Schultergürtel links
  2. 2. Schultergürtel rechts
  3. Oberarm links
  4. Oberarm rechts
  5. Unterarm links
  6. Unterarm rechts
  7. Hüft-Gesäß-Region links
  8. Hüft-Gesäß-Region rechts
  9. Oberschenkel links
  10. Oberschenkel rechts
  11. Unterschenkel links
  12. Unterschenkel rechts
  13. Kiefer links
  14. Kiefer rechts
  15. Thorax bzw. Brustkorb
  16. Abdomen bzw. Bauch
  17. oberer Rücken bzw. BWS
  18. unterer Rücken bzw. LWS
  19. Nacken bzw. HWS
Symptom-Schwere (SS)-Skala ab 5/12
  1. Fatigue bzw. Müdigkeit
  2. unerholtes Aufwachen
  3. kognitive Symptome wie Konzentrationsstörung, Depression…
    jeweils mit Grad 0-3, also 4 Grade
         0     keine
         1     unbedeutend, leicht bzw. wenige Symptome
         2     bedeutend, mittelgradig
         3     schwer, tiefgreifend usw.

Diagnostik


Anamnese


allgemeine Anamnese bzw. AA
  • Erschöpfung, Müdigkeit, Schlafstörungen
  • Depression, Angststörungen, Neurosen
  • vegetative Symptome wie Tremor, Globusgefühl, Magen-Darm-Störungen einschl. Reizmagen und Reizdarm und Dysurie bzw. Reizblase sowie Dysmenorrhoe
  • Orthostase und kalte Akren
  • lokal Hyperalgesie bzw. Tenderpoints
  • in 60% DS Kontrollpunkte Hypothenar-Muskulatur, Finger-Mittelphalanx und Stirnhöcker
eigenen Anamnese bzw. EA
  • Traumata
  • Medikation
  • Behandlungen
soziale Anamnese bzw. SA
  • Stress durch Familie, Beruf usw.

Labor


Serum
  • BSG, CrP, BB, CK, Ca, TSH
  • IL 6 (erhöht)
  • Serotonin (erniedrigt)
  • Dexamethason-Hemmtest (mangelnde Suppression)
Speichel
  • Cortisol (zu niedrig morgens und zu hoch abends)
Liquor
  • Substanz P (erhöht)
  • Serotonin (erniedrigt)

Differentialdiagnostik

  • myofaszialer Schmerz (entlang einer Extremität bzw. Körperquadrant)
  • chronische entzündliche rheumatische Erkrankungen einschl. Polymyalgia rheumatica (RF, CCP bzw. ACPA, HLA B27)
  • chronische Hepatitis C (Antikörper)
  • CEDE einschl. Zöliakie (Skopie und Biopsie)
  • Osteoporose/-malazie (D-Hypovitaminose) und -pathie (Radiologie, AP, 25-OH-Vitamin D3
  • Endokrinopathie wie Hypo- und Hyperthyreose, Hypo- und Hyperparathyreoidismus (TSH, PTH)
  • entzündliche (Myositis), metabolische, endokrine und degenerative Myopathien (EMG)
  • Myotonie
  • Intoxikationen durch Medikamente (Cimetidin, Levodopa, Penicillin, Statine!, Cromoglicinat, Metoprolol, PPI, Interferon, Tryptophan)
  • Polyneuropathie, -neuritis usw. wie Neuro-Borreliose (Befund, Antikörper)
  • somatoforme Schmerzstörung (hier unsicherer DS Hypothenar-Muskulatur, Finger-Mittelphalanx und Stirnhöcker, unauff. Labor, Diskrepanz zwischen Befund und Befinden)
  • allogenes Psychosyndrom nach Wörz (sekundäre Psychose nach primärem chronischem Schmerz)
  • Dermatose Fabry

Therapie

  • operative Maßnahmen kontraindiziert bzw. nicht kausal und symptomatisch lindernd

kausal

  • Gewichtsreduktion, Absetzen Nikotinabusus, Vermeidung von Missbrauch, Not und Stress (v.a. in Familie und Beruf)

symptomatisch


hohe Evidenz
  • aerobes Ausdauertraining bzw. Gesundheitstraining (schnelles Spazierengehen, Walking, Fahrradfahren, Ergometertraining, Tanzen) und/oder Balneotherapie einschl. Krankengymnastik im Bewegungsbad und Aqua-Gymnastik, - aerobik etc. (2-3 x 30-60 min pro Woche) (Winkelmann 2012)
  • medizinisches Krafttraining (2 x 60 min pro Woche) (Winkelmann 2012)
  • Krankengymnastik (2 x 30 min pro Woche) (Winkelmann 2012)
  • Kur mit u.a. Thermalbädern 5 x pro Woche über 2-3 Wochen (Winkelmann 2012)
  • kognitive Verhaltenstherapie und Patientenschulung
mittlere Evidenz
  • Amitryptillin (10-50mg/d) befristet, Pregabalin (150-450mg/d) befristet, Duloxetin (60mg/d) befristet, Fluoxetin (20-40mg/d), Paroxetin (20-40mg/d) befristet (Sommer 2012)
  • Hypnotherapie, geleitete Imagination, therapeutisches Schreiben
  • Biofeedback (Köllner 2012)
  • Tai-Chi, Qigong, Yoga, Akupunktur (Langhorst 2012)
niedrige bzw. negative Evidenz
  • Operation an Gliedmaßen (Winkelmann 2012)
  • Chirotherapie und kraniosakrale Therapie (Winkelmann 2012)
  • TENS (Winkelmann 2012)
  • Massage und Manualtherapie (Winkelmann 2012)
  • Elektrotherapie und Ultraschalltherapie
  • Kryotherapie (Winkelmann 2012)
  • Sauerstofftherapie (Winkelmann 2012)
  • Lasertherapie (Winkelmann 2012)
  • Magnet(feld)therapie (Winkelmann 2012)
  • antivirale Substanzen (Sommer 2012)
  • anxiolytische, neuroleptische und hypnotische Substanzen (Sommer 2012)
  • Flupirtin, Muskelentspannungsmittel und NSAR (Sommer 2012)
  • Serotonin- und Dopamin-Antagonisten sowie Hormone (Sommer 2012)
  • Interferone (Sommer 2012)
  • Opioide und Cannabinoide (Sommer 2012)
  • örtliche Betäubung (Sommer 2012)
  • Homöopathie, Reiki, orthomolekulare Medizin (Langhorst 2012)
unklare Evidenz
  • Sauna (Winkelmann 2012)
  • Melatonin (Langhorst 2012)

Komplikation

Prognose

  • 50% innerhalb von 5 Jahren berentet

Literatur

  1. Arnold B et al. (2012) Multimodale Therapie des Fibromyalgiesyndroms. Der Schmerz 26/3: 287-90
  2. Eich W et al. (2012) Das Fibromyalgiesyndrom. Definition, Klassifikation, klinische Diagnose und Prognose. Der Schmerz 26/3: 247-58
  3. Häuser W et al. (2009) Fibromyalgiesyndrom. Dt. Ärztbl. 106. Heft 23: 383-91
  4. Köllner V et al. (2012) Psychotherapie von Patienten mit Fibromyalgiesyndrom. Der Schmerz 26/3: 291-6
  5. Langhorst J et al. (2012) Komplementäre und alternative Verfahren beim Fibromyalgiesyndrom. Der Schmerz 26/3: 311-7
  6. Meiworm L et al. (1999) Auswirkung eines aeroben Ausdauertrainings … bei Patienten mit Fibromyalgie. Dt Z f. Sportmed. 50/6: 188-92
  7. Moldofsky H, Scarisbrick P (1976) Induction for neurasthenic musculoskeletal pain syndrome by selective sleep deprivation. Psychosom Med 38: 35-44
  8. Sommer C et al. (2012) Ätiologie und Pathophysiologie des Fibromyalgiesyndroms. Der Schmerz 26/3: 259-67
  9. Sommer C et al. (2012) Medikamentöse Therapie des Fibromyalgiesyndroms. Der Schmerz 26/3: 297-310
  10. Smythe H (1989) Tender Points: evolution of concepts of the fibrostitis/fibromyalgie syndrome. Am J Med 81 (3A): 2-6
  11. Winkelmann A et al. (2012) Physiotherapie und physikalische Verfahren beim Fibromyalgiesyndrom. Der Schmerz 26/3: 276-86
  12. Wolfe F, Smythe HA, Yunns MB et al. (1990) Criteria for the classification of Fibromyalgia. Arthritis Rheum 33: 160-72
 
 
 
 
      
Aktualisiert: 03.11.2008
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben