Die Akupunktur

allgemeine Informationen für Patienten


  • Die Akupunktur (AP) ist eine Behandlungs-Methode mit Einsatz von Akupunktur-Nadeln zur Behandlung von funktionellen Störungen im gesamten Körper und ergänzt die Schulmedizin. Sie kommt bei unklaren Beschwerden, welche nicht "organischen" Ursprungs sind, zur Anwendung. Das trifft für fast alle Beschwerden zu, auch wenn sie vorrangig durch Schulmedizin zu behandeln sind. Hier ist die Akupunktur ergänzend wirksam (z.B. Schmerzen, Migräne, Krämpfe, Koliken, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall usw.).
  • Nach ausführlicher Erhebung der Krankengeschichte und Untersuchung nach funktionellen Gesichtspunkten mit Techniken der traditionellen chinesischen Medizin bzw. TCM werden nach Ausschluß einer Gerinnungsstörung (z.B. Bluter), akuter Infektion durch Mikroorganismen sowie "Rheuma-Schub" in mehreren Sitzungen (meist im Liegen, selten im Sitzen oder in speziellen AP-Stühlen) Nadeln in so genannte Akupunktur-Punkte eingebracht (gestoschen), welche sich überall im Körper, Ohr, Hand, Fuß, Kopf und Mund befinden. Bis auf den Mund, in den man „Quaddeln“ an die Schleimhaut der Zähne, der Mandeln und des Rachens setzt, werden die Nadeln wenige Sekunden bis eine Stunde belassen. Hierzu müssen v.a. lange Sachen ausgezogen, Metallschmuck abgelegt und Handtücher, Decken, Laken und Heizkissen bzw. Rotlicht zur Erwärmung bereit gehalten werden. Danach können Reaktionen sofort (so genanntes Nadelgefühl evtl. mit Sensationen im Körper), kurz danach (meist Blasentätigkeit, Müdigkeit, andere vegetative Veränderungen und natürlich Beschwerdelinderung) oder nach mehreren Sitzungen bzw. Tagen auftreten. Selten kommen paradoxe Reaktionen mit kurzzeitiger Erstverschlechterung der Beschwerden, welche wieder verschwinden, vor. Die Akupunktur ist in jeder Phase der Schwangerschaft und während der Geburt erlaubt!

spezielle Informationen für Kollegen


Synonym

  • AP

Definition

  • als Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin bzw. TCM Methode mit therapeutischen Einsatz von Nadeln, Elektrizität, LASER u.a. Medien zur Behandlung von funktionellen Störungen reversibler Natur unter Nutzung definierter Punkte bzw. Loci auf Meridianen

Voraussetzung


Kenntnisse

Traditionelle Chinesische Medizin bzw. TCM Nozizeption vegetatives Nervensystem Regulation
  • extrazelluläre bzw. interstitielle Ebene (Das Bindegewebe)
  • zelluläre Ebene (humorale und nervale Wirkungen auf Muskel- und Drüsenzelle mit Sekretion von Transmittern, Mediatoren u.a. Botenstoffen)
  • spinale Ebene (einfache Reflexe)
  • medulläre Ebene (Atmung und Kreislauf)
  • diencephale Ebene (Hormonsystem)
  • subkortikale Ebene (limbisches System mit Gyrus cinguli, Hippocampus und Mandelkernen)
  • kortikale Ebene (homunculus)
Bild:

Körpermaße

  • je nach Cun (1 Cun = Breite des DIP des Daumens bzw. Abstand der Falten von gebeugtem DIP und PIP des Zeigefingers, 1,5 Cun = Breite der PIP von Zeige- und Mittelfinger und 3 Cun = Breite der MCPG aller Langfinger) bzw. Fen (10 Fen = 1 Cun) bezogen auf den jeweiligen Patienten
Kopf
  • Abstand Nasenwurzel bzw. Augenbraue Ansatz Ansatz Haar vorn 3 Cun
  • Abstand Ansatz Haar vorn und Protuberantia occipitalis externa 12 Cun
  • Abstand Protuberantia occipitalis externa C7 3 Cun
  • Abstand der Procc. mastoideus 9 Cun
  • Abstand Ansatz Schläfenhaar (Ma8) 9 Cun
Rumpf
  • Länge Clavicula 8 Cun
  • Abstand Mamillae 8 Cun
  • Abstand Manubrium sterni Übergang Corpus/Xiphoid 9 Cun
  • Abstand Übergang Corpus/Xiphoid Nabel 8 Cun
  • Abstand Nabel Symphysenoberrand 8 Cun
  • Abstand Margo medialis scapulae Mittellinie bei nach vorn verschränkten Armen 3 Cun
Extremität
  • Abstand vordere Achselfalte Ellenbogenfalte 9 Cun
  • Abstand Ellenbogenfalte Handwurzelfalte 12 Cun
  • Abstand Symphysenoberrand Patellaoberrand 18 Cun
  • Abstand Trochanter Kniefalte 19 Cun
  • Länge Fibula 13 Cun
  • Abstand Kniefalte Malleolus lateralis 16 Cun
Bild:

Aufklärung bzw. Einweisung


Lagerung

  • immer so wählen, daß Patient so wenig wie möglich Beschwerden hat, so viel wie mögliche Akupunktur-Punkte erreichbar sind, Füße erwärmbar sind und der Patient mit seinem eigenen Handtuch bzw. einem Laken und einer Decke zugedeckt werden kann
  • ggf. Lagerung auf AP-Stuhl
    Bild:
  • immer darauf achten, dass Patient nicht ins „Licht“ schauen muß, sich nicht im „Zug“ befindet und „entspannen“ kann (Kopfhörer sind er-laubt)
  • GKV verlangen sogar Lagerung in separatem Raum
  • immer Klingel o.ä. bereitstellen und Wecker stellen

Desinfektion

  • im Vergleich zur Operation, Gelenkpunktion und therapeutischen Lokalanästhesie bei Risikopatienten 1 x als Wischdesinfektion mit Desinfektionsmittel ausreichend und nicht zwingend erforderlich (Ausnahme Immunschwäche)

Nadeln

  • aus verschiedenen Metallen (früher Holz, Stein, Eisen, heute Gold, Silber, Stahl) mit und ohne Überzug (z.B. Silikate) in zahlreichen Längen (von 15 mm bis 51 cm) und Stärken (26 - 34 Gauge bzw. 0,23 - 0,45 mm) mit Spitze, Corpus, Wurzel, Griff und Cauda, wobei heutzutage der runde Querschnitt im Vergleich zu den 9 antiken Nadeln mit verschiedenen Querschnitten, bevorzugt werden (Richter und Becke 1995)
Bild:
(www.wikipedia.de)

Ziel

  • ergänzende Therapie eines Symptoms und seiner Begleitumstände bzw. einer Regulationsstörung

Indikation

  • Dysalgesie (Der Schmerz)
  • neuroanatomisch nicht erklärbare Dysästhesien (Gefühlsstörung) ohne klare Minus-Symptomatik (Reflex, Kraft, Sensibilität)
  • funktionelle bzw. neuroanatomisch nicht erklärbare Dyskinesie (Muskelstörung) ohne Anhalt für Plegie (Muskeldysbalance)
  • funktionelle Dyskrasie (Hormonstörung) mit und ohne Paraklinik (Das Labor)
  • relative (nicht mangelbedingte) bzw. regionale Dystrophie (Ernährungsstörung) ohne neurovaskuläre Klinik

Kontraindikation

absolut

  • eigentlich keine

relativ

  • nur Gerinnungsanomalie
  • körperliche Mangelzustände mit notwendiger Substitution (Sepsis, Schock, Kachexie)
  • narbige Endzustände (z.B. Hirn-, Leber- und Nierendekompensation)
  • Therapie mit Psychopharmaka, β-Blockern, Kortikoiden u.a. "Anti"-Medikamenten sowie Radiatio nach oder während "Krebs-Therapie"
  • Regulationsstarre (z.B. Amalgam-Überlastung, Schwermetallvergiftungen, Artheriosklerose, Übersäuerung, dekompensierte Mitochondriopathie)

Technik


Vorbereitung

  • Entkleidung und Lagerung des Patienten
  • Erwärmen und Abdecken
  • Untersuchung der Punktionsstelle
  • Desinfektion bei Risikopatienten

Stechen

  • Vertikalstich (ca. 90°), Schrägstich (im Verlauf, senkrecht zum Verlauf, schräg zum Verlauf bzw. gegen den Verlauf des Meridians, ca. 45°) oder Tangentialstich mit evtl. Erfassung mehrer Punkte/Loci (5-30°)
  • tonisierend (Nadel wird senkrecht oder im Verlauf des Meridians zügig ohne Drehen in den Punkt/Locus gesetzt, zügig herausgezogen und "Loch verschlossen") oder sedierend bzw. dispergierend (Nadel wird tangential oder gegen den Verlauf des Meridians langsam mit Drehungen (Roll- und Dreh-Technik) bzw. Hin- und Herfahren (Hebe- und Einsenk-Technik) in den Punkt/Locus gesetzt, langsam unter kegelförmigen Bewegungen herausgezogen und "Loch offen gelassen" bzw. Mikroaderlaß ermöglicht)
  • nahe Punkte bei chron. Zuständen bzw. älteren Patienten oder ferne Punkte bei akuten Zuständen bzw. jüngeren Patienten
  • wenig Nadeln bei asthenischem Habitus/Xu-Typ oder viele Nadeln bei pyknischem Habitus/ Shi-Typ (Störungen des Körperbaus)
Bild:

Methoden

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  • Auswahl der zu behandelnden Akupunktur-Punkte/Loci und deren Kombination in einer oder mehreren Sitzungen nach Klinik (Symptome und Befunde), Kriterien und Regeln

Kriterien

  • äußere und innere pathogenetische Faktoren (entsprechende antike Wind-, Hitze-, Nässe-, Trockenheits- und Kälte-Punkte)
  • akute bzw. Organ-Pathologie (entsprechende Meister-, Zustimmungs-, Alarm- und Grenzpunkte sowie Punkte der außerordentlichen Meridiane)
  • Tonisierung (entsprechende und Durchgangs-Punkte bei Leere bzw. Mangel an Qi, Yang, Säften und Essenz)
  • Dispergierung/Sedierung (entsprechende und Quell-Punkte bei Fülle und Stau von Qi, Yin bzw. Yang)
  • Schmerzen und Emotionen (spezielle Punkte, Punkte der außerordentlichen Meridiane und Kombinationen von Punkten der tendinomuskulären Meridiane)
  • Kettenschloßkopplung/petite piqûre/grande piqûre/erweiterte grande piqûre (Punkte entlang eines Nerves bzw. Segments)
  • Immunsystem/Hormonsystem/Metabolismus/Durchblutung (Meister-Punkte, Punkte der Wandlunsphasen)
  • Stase/Stagnation/Obstruktion (bedeutende Punkte, in denen sich Meridiane kreuzen oder vereinigen und deren Kombinationen)

Regeln

Addition
  1. Meridianuhr (Stärkung des nachfolgenden Meridians)
  2. Mutter - Sohn (nach Pentagramm bzw. Wandlungsphasen der TCM stärkt Mutter den Sohn)
  3. Oben - Unten (obere und untere Yang- und Yin-Meridiane ergänzen sich in Achsen)
  4. Vorn - Hinten (Zustimmungs- und einige Alarmpunkte am Stamm sowie Konzeptions- und Lenkergefäß ergänzen sich)
Opposition
  1. Mittag - Mitternacht (je nach Uhrzeit hemmen sich "gegenüberliegende" Meridiane)
  2. Großmutter - Enkel (nach Pentagramm bzw. Wandlungsphasen der TCM hemmt Großmutter den Enkel)
  3. Rechts - Links
  4. Außen - Innen (äußere Yang- und innere Yin-Meridiane stehen sich gegenüber)
  5. Oben - Unten (obere und untere Yang- und Yin-Meridiane hemmen sich in Achsen)
  6. Ehemann - Ehefrau (die an den Radialis-Pulsen "gegenüberliegenden" Meridiane hemmen sich)

Behandlungsdauer

  • lange Behandlung (20 - 30 min) bzw. Zwischenräume (7 - 14 Tage) bei chron. Zuständen bzw. pyknischem Habitus/Shi-Typ)
  • kurze Behandlung (5 - 15 min) bzw. Zwischenräume (1 - 3 Tage) bei akuten Zuständen bzw. asthenischem Habitus/Xu-Typ

zusätzliches

  • Moxibustion bzw. Erwärmung auf 56°C von Punkten mittels glimmendem Beifuß (entweder mit Kegel, Kästchen, Pflaster, Zigarre, Applikator oder direkt an Nadel) bei Leere bzw. Mangel an Yin sowie Yin und Yang

Literatur

  1. Maciocia G (1997) Die Grundlagen der Chinesischen Medizin. Verlag für Ganzheitliche Medizin Dr. Erich Wühr, Kötzting
  2. Richter K, Becke H (1995) Akupunktur. 3. überarb. und erw. Aufl. Ullstein Mosby, Berlin Wiesbaden
  3. Stux G, Stiller N, Pomeranz B (1999) Akupunktur. 5. überarb. und erw. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg NewYork
      
Aktualisiert: 28.10.2014
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben