Die Dysbiose

Synonym

  • Overgrowth syndrome
  • Störung der Darmflora

Historie

  • am Anfang war der Einzeller
  • in Form von Kugel minimale Oberfläche bei maximalem Volumen
  • aber durch Membran Abgrenzung zur Außenwelt (Leben = Kampf gegen die Unordnung bzw. Entropie)
  • gleichzeitig über Membran aber auch Ernährung
  • also Zusammenschluß von Zellen beim Vielzeller und Ausbildung von Zellen mit spezifischen Aufgaben der Ernährung bzw. Nahrungsaufnahme und von Oberflächen- bzw. Schutzzellen
  • aus einfachen chemischen Abwehrreaktion sind nun Phagozytose dazugekommen (unspezifische Immunität)
  • das blieb auch bei Ausbildung des Urdarms von Urmund bis Urafter
  • im Rahmen von Phylogenese und Evolution Ausbildung von spezifischen Verdauungsorganen mit Sekretion von Verdauungssäften sowie Abwehrorganen aus Entoderm der dreiblättrigen Keimscheibe (spezifische Immunität)
  • neben "altem" nicht adaptivem bzw. zellulärem entwickelte sich "neues" adaptives humorales Immunsystem
  • als Koordinator müssen schließlich Zytokine fungieren
  • da nach Ernst Haeckel (geb. 1834 in Merseburg, meiner Heimatstadt, gest. 1919 in Jena) Phylogenese während Schwangerschaft "abläuft" (jedoch nur das "alte") kann zur Geburt mit Hilfe mütterlicher Zytokine jeder Erreger zellulär abgewehrt werden
  • jedoch müssen Gedächtnisfunktionen erst erlernt werden (Immunisierung)
  • die sich vergrößernde Oberfläche (beim Mensch 2qm Haut und >400 qm Schleimhaut) muß sich unabhängig von spezifischer oder humoraler Abwehr "lokal" schützen
  • gleichzeitig muß vom Erreger "gelernt" (v.a. im Darm durch "schmutzige" bzw. "kontaminierte" Nahrung) und andere Organe und Drüsen mit Kontakt zur Außenwelt informiert bzw. trainiert werden
  • hierzu Kontakt zwischen Mucose-Immunsystem (MIS) zu Peyer Plaques mit Lymphozyten und Makrophagen
  • nach "Info" Transport als Plasmazellen durch Blutkreislauf und Lympsystem (v.a. Ductus thoracicus)
  • durch sIgA entsteht Oberflächen-Immunität in organ-assoziierten Lymphsystem von Nase, NNH, Tube, Innenohr und Pharynx (NALT), Auge, Larynx, Trachea, Bronchien und Lunge (BALT), Milchdrüse bzw. Mamma, Vagina, Uterus, Eileiter, Harnröhre, Blase, Samenbläschen, Prostata, Harnleiter und Nieren(becken) sowie Esophagus, Magen, Duodenum, Galle und Leber(gänge), Pankreas(gänge) sowie Dünn- und Dickdarm selbst (GALT)
  • parallel Einschaltung von Lymphstationen wie Appendix und Tonsillen
  • im Rahmen der Evolution Symbiose zwischen Einzellern bzw. Mikroorganismus und Makroorganismus (Besiedlung von Haut und Schleimhaut durch 100 Billionen Mikroorganismen)
  • 1879 Anton Heinrich de Bary " Die Symbiose ist das fortwährende und innige Zusammenleben ungleichnamiger Organismen…"
  • damit Kolonialresistenz gegenüber pathogenen Erregern und Erkennung von krankmachenden Fremdstoffen (Allergenen)

Definition

  • Störung des Mucosa-Immunsystems (MIS) sowie der assozierten Lymphsysteme durch Störung und Minderung der Symbionten bzw. Fehlbesiedlung von pathogenen Mikroorganismen bzw. Erregern, erhöhter Infektanfälligkeit, Allergieneigung, gestörter Darmmotorik bzw. Verdauung und Mangel an essentiellen Nährstoffen

ICD

  • K63.8

Häufigkeit

  • unklar
  • anhängig von Normwerten und Wertigkeit der ca. 500 bekannten Arten

Ätiologie

  • einfach alles…
  • schon die Sectio läßt die vaginale Döderlein-Flora und damit die Umwandlung zur physiologischen Darm-Flora vermissen
  • das gleiche gilt für nicht gestillte Säugling (Fläschlinge), was früher durch eine Amme kompensiert werden konnte und derzeit nur durch industrielle hergestellte Milch ohne Flora garantiert wird
  • jede plötzliche veränderte Mahlzeit einschl. Urlaubsessen mit zu wenig Ballaststoffen und zu viel Keimen bzw. Eiweiß und Fett
  • jede Gastroenteritis einschl. Divertikulose, Enteropathie bzw. Intoxikation einschl. Umweltgifte, Medikamente und v.a. Kortison und Antibiotika (Die Ernährung)
  • das was wir schlucken (aber damit ist nicht der natürliche "Dreck", den jedes Tier mühelos verschlucken und abwehren kann, sondern der aus Menschenhand bzw. dem Labor und Industrie gemeint!!!)
  • jede streßadaptierte Hyp- bzw. Anazidität bzw. Hypochlorhydrie des Magens ("das schlägt mir gleich auf den Magen" bzw. "das geht mir duch den Magen"), aber auch Störung anderer Sekrete ("mir läuft die Galle über") und externe Übersäuerung bzw. Acidose
  • Störung der Motilität mit Diarrhoe bei erhöhtem und Obstipation bei erniedrigtem Sympathikotonus (Das vegetative Nervensystems, Adapatations- und Streßsyndrom, Verdauungsstörungen)

Pathogenese

  • die zahlenmäßig überlegenen Symbionten (mehr als menschliche Zellen sprich über 1012!) sterben schneller als sie sich teilen…
  • einerseits je nach Toxin (z.B. Botulismustoxin, Konservierungsstoff, Schwermetall) kommt es wie bei der Wirkung der Antibiotika zur Störung der Zellwand (bzw. des Stofftransportes und Zellschutzes), der Funktion (RNS), Energiebereitstellung (Mitochondrien) und Regeneration (DNS) und direkt zur Agoptose
  • unklar ist Rolle der ph-Wert-Regulierung bei Dysazidität des Magens und Dyssekretion von Galle, Pankreas- und Dünndarmsaft (Verdauungsstörungen)
  • zusätzlich je nach Zustand der Valva ileocaecalis Bauhin Reflux des Colon-Inhaltes ins Ileum und damit lokales Überfluten (overgrowth) der aeroben Dickdarmflora, welche Wasserstoff und Peroxide ausscheiden
  • Dreh- und Angelpunkt ist die Störung der mikrobiellen Barriere bzw. der Kolonialresistenz des Mucosa-Immunsystems (MIS)
  • im Gegensatz zur Symbiose nimmt nun Parasitismus, Kommensalismus und Neutralismus durch Erhöhung des Anteils nicht physiologischer (Fäulnis)-Keime zu (auf gestörter Rasenfläche wächst in "Löchern" zunächst Unkraut…)
  • d.h. weniger Bifidobacterien, Lactobazillen, Eubacterien, physiologische Enterokokken, Escherichia coli und Bacteroides und vermehrt Klebsiellen, Entero-, Helico-, Campylo- und Citrobacter, Proteus, Pseudomonas, Clostridien und pathogene Bacteroides, Enterkokken und E. coli
  • auch Besiedlung durch pathogene und fakultativ pathogene Pilze wie Geotrichum, Candida bzw. Monilia…
  • Störung der Verwertung von Kohlehydraten und Eiweißen, aber auch der Produktion von Vitaminen wie B3, 9, 12, G (Deoxycholsäure) und K, Veränderung des ph-Wertes, Störung des exokrinen Digestion, Störung der Ernährung und damit der Regeneration der Enterozyten (u.a. "falsche Fettsäuren wie Essigsäure, Buttersäure usw."), zusätzliche Produktion von (hepato)toxischen Substanzen wie Schwefelverbindugen (leaky gut), Gasbildung (Die Fettstoffwechselstörung, Leberfunktionsstörungen, Die Nahrungsmittelunverträglichkeit und -intoleranz, Die Histamin-Intoleranz)
  • Störung der Immuntoleranz, -stimulation und auch -suppression über lymphatisches System und damit humoralen Abwehr einschl. Sekretion von IgA durch Makrophagen bzw. Monozyten und nach Sekretion von Interleukinen 1, 4 und v.a. 6 durch Plasmazelle (Das Lymphsystem, Störungen des Immunsystems, Die Allergie)
  • schließlich kommt es zur Pathogenität bzw. Invasivität von Erregern wie z.B. EHEC und Candida (Die Allergie , Die Nahrungsmittelunverträglichkeit und -intoleranz, Verdauungsstörungen, Leberfunktionsstörungen, Die Histamin-Intoleranz, atopisches Ekzem bzw. Neurodermitis)

Lokalisation

  • Dünndarm als Dünndarmfehlbesiedlung DDFB oder small intestinal bacterial overgrowth SIBO
  • Dickdarm bei Lactoseintoleranz usw.
  • aber auch Magen, Mund, Nase bzw. NNH?

Klinik

  • gastrointestinale Symptome
  • sinubronchale Symptome wie Rhinitis, Sinusitis, Pharyngitis, Laryngitis, Bronchitis, Alveolitis, Pneumonie, Pleuritis
  • Hautveränderungen wie Erythem, Ekzem, (Neuro)Dermatitis, Flechte, Akne, Pusteln, Furunkel, Karbunkel, Abszess
  • Neigung zu Mykosen, Allergien, Asthma, Intoleranzen und Unverträglichkeiten, Urtikaria, Lymphödeme, Adipositas, Arthritiden und rheumatische Syndrome einschl. Myalgien, ja sogar Autoimmunopathien
  • orthopädische Symptome wie Haltungsinsuffizienz mit hohlrundem Nacken und Rücken, Ventralkippung des Beckens, genu varum bei Insuffizienz der recti et obliqui abdominis, quadriceps, tensor fasciae latae, ischiocrurales, deltoideus, serratus anterior, rhomboidei und pectorales sternales

Symptomatik

  • foetor ex ore
  • Nausea bzw. Übelkeit
  • Pyrosis bzw. Sodbrennen
  • Völlegefühl
  • Flatulenz
  • Meteorismus bzw. Blähungen
  • Tenesmen bzw. Krämpfe
  • Emesis bzw. Erbrechen
  • Diarrhoe bzw. Durchfall
  • Obstipation bzw. Verstopfung

Diagnostik


Anamnese


JA
  • s.o. Symptomatik
EA
  • Geburtsanamnese (v.a. Sectio)
  • Stillzeit
  • Fütterung bzw. Ernährung (Vollwertkost, Diäten, Mahlzeiten)
  • Antibiotika u.a. Therapien bei chronisch-rezidivierende Infektionen (leider auch virale Infektionen wie "Magen-Darm-Grippe")
  • Stomatitis mit Gingivitis, Paradontitis usw.
  • Reizmagen
  • Reizdarm
GA
  • urogenitale Entzündungen einschl. Reizblase
SA
  • Mahlzeiten und ihr Mangement (cave: fast food)
  • Streß und Übersäuerung bzw. Acidose
AA
  • s.o. Klinik
VA
  • alles möglich (v.a. Haut und Lunge)

Status


Inspektion
  • Hohlkreuz
  • "Blähbauch"
  • Gas- und/oder Kotbauch nach Mayr
  • Haut
  • Lymphe
Palpation
  • Lymphödeme
  • unterschiedliche abdominelle Befunde
Perkussion und Auskulatation
  • je nach Luftfüllung von Darm und Lunge

Ultraschall-Diagnostik

  • sinnlos

Radiologie

  • sinnlos, nur bei Komplikationen wie Sinusitis, apikale Zahnherde

Labor


Serum
  • nur bei Komplikationen wie systemische Entzündung, leaky gut syndrome (so genanntes Leber-Synthese-Labor mit Cholesterin, Lactatdehydrogenase, Cholinesterase, Aldosteron, Insulin, Vitamin D 25 bzw. Calcidiol, Glutathion, Dehydrepiandrosteron), Malassimilation (Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Zink, Aminosäure-Profil),
  • aber auch Immun-Tests wie großes bzw. Differential-Blutbild, T-Zell-Profil einschl. Balance Th1 (zu hoch bei Allergie) und Th2 (zu niedrig bei Infektion), Elektrophorese (v.a. Gamma-Globuline), Immunglobuline usw.
Urin
  • je nach Verdacht auf enteropathogen-induzierte Zystitis und DD Acidose
Stuhl
  • die wichtigste Analyse mit genauer Aufschlüsselung der Flora und Quantifizierung je nach Kolonie-Bildender Einheit (KBE) einschl. Histaminbildner, Buttersäureausscheider, Helicobacter, Pilze usw.
  • sekretorische IgA
  • β-Defensin
  • Lysozym
  • Calprotektin
  • eosinophiles Protein
  • Alpha-1-Antitrypsin

Biopsie

  • nur bei Komplikationen wie Polypen, CED, Hepatopathie

Therapie


kausal

  • Therapie einer Kolpitis vor normaler Geburt und mind. 6 Monate Stillen, Ballaststoffe, Mahlzeit-Management bzw. -Rituale, Vermeiden von Allergenen wie Kuhmilcheiweiß, fast food, Umweltgifte und Streß bzw. Übersäuerung bzw. Acidose

symptomatisch

  • mikrobiologische Therapie bzw. Symbioselenkung
  • da keine Stammzelle bekannt diverse individuelle Strategien mit Autolysaten, Bakteriegemische oder Einzelkeime bzw. deren Stämme (z.B. Escherichia coli Nissle, Lactobazillus rhamnosus, plantarum, casei usw.) bis Autovaccine

Prophylaxe

  • s.o. bei kausaler Therapie
  • bei Sectio und Stillkomplikationen Symbioselenkung
  • keine übertriebene Hygiene (ruhig mal "Dreck" schlucken lassen)
  • zeitiger und häufiger Kinderkontakt (Großfamilie, Kinderkrippe und Kindergarten)
  • Leben auf dem Bauernhof bzw. anthroposophische Lebensweise

Verlauf

  • günstig (setzt Disziplin voraus)

Komplikation

  • alle Darmerkrankungen einschl. Krebs?
  • das Reizdarm- (evtl. Reizmagen- und -blasen-) Syndrom
  • Galle(abfluß)störungen einschl. -lithiasis
  • Malabsorptionen bzw. -assimilationen
  • leaky gut syndrome bzw. non alcoholic steatosis hepatosis (NASH)
  • o.g. Neigungen, welche zu eigenständigen Entitäten bzw. Krankheiten werden
  • Mastzellen- und Histamin-assoziierte Krankheiten einschl. Kopfschmerzsyndrome, Schwindelsyndrome, Reisekrankheit, Nesselsucht usw.
  • Vitamin K Mangel
  • Vitamin B 3, 5, 9 und 12 Mangel
  • IgA Mangel
  • sekundäre Immundefekte?

Literatur

  1. Arbeitskreis Mikrobiologische Therapie (2004) Grenzflächen am menschlichen Körper und ihre Bedeutung für die Gesundheit. Herborn
  2. Beyer D, Peters U (2003) Mikrobiologische Therapie. Forum, Germering
  3. Rusch K, Rusch V (2001) Mikrobiologische Therapie. Haug, Heidelberg
  4. Rusch V (1999) Bakterien - Freunde oder Feinde. Urania, Berlin
  5. Schmidt-Fuchs R, Peters U (2004) Mikrobiologische Therapie. Dönges, Dillenburg
  6. Schöllmann C, Zimmermann K (1997) Intestinale Mikroflora und Immunsystem. Forum, Stockdorf
      
Aktualisiert: 21.02.2012
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben